Georg Kreisler Forum
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Katinka Koschka · 338 · 162923

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Offline Burkhard Ihme

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Kurzes Lied

Ein Sänger solte gut gereimte Lieder schreiben,
denn hin und wieder bleiben
so ein paar Zeilen doch im Ohr.
Und zweitens solte er nur kurze Lieder singen,
die nicht so bieder klingen
wie ein gemischter Fischerchor.

Ein kurzes Lied hat auch den Vorteil, daß es schnell geschrieben ist
in dieser kurz bemessnen Frist, bis man den Anlaß ganz vergißt.
Ein kurzes Lied braucht wenig Inhalt und kein hohes Ideal,
und daß dem Dichter nichts mehr einfiel, ist egal.

Ein Sänger sollte aktuelle Lieder singen
von Berner Widerlingen,
drum hier ein Tipp aus erster Hand:
Man singe von den Liedern, wenn sie heikel waren,
nur die recyclebaren
und bring sie auf den neusten Stand.

In einer Welt, die sich verändert und die keiner mehr versteht,
kommt der singende Prophet mit seinen Liedern meist zu spät,
denn  keine Aktualität und keine Nachrichten-Notiz
hält sich länger als die Dauer dieses Lieds.

Drum soll ein Sänger kurze Lieder oder keine schreiben,
vielleicht ganz kleine schreiben,
im kreativen Sturm und Drang.
Auch dieses Werk ist etwas opulent geraten,
doch im Moment geraten
mir meine Lieder hin und wieder viel zu lang.


Offline Burkhard Ihme

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Die kleine Fabrik

Dort unten bei der Kneipe macht die Straße
einen Knick,
dann stoßt man unversehens mit der Nase
auf die Fabrik.
Bei der Verladerampe zum Versand der Ware
schlugen wir als Kinder manche heiße Schlacht.
Auf dem Fabrikhof haben wir die schönsten Jahre
in unsrer Schul- und Kinderzeit verbracht.

Die kleine Fabrik, die kleine Fabrik,
das ist der Ort, wo ich zu Hause bin.
Die kleine Fabrik, die stand schon vor dem Krieg,
und hier in unsre Stadt gehört sie hin.

Der alte Backsteinbau ist noch wie früher
voll Geschmier.
Und dort die Inschrift „Ludwig liebt Maria!“,
die stammt von mir.
Hier hat mein Vater seine Rente sich erworben
und dort in diese Bank ein Kreuz gekerbt,
denn an der Drehbank ist mein Großvater gestorben,
und ich hab seine Taschenuhr geerbt.

Die kleine Fabrik, die kleine Fabrik,
das ist der Ort, wo ich zu Hause bin.
Die kleine Fabrik, die stand schon vor dem Krieg,
und hier in unsre Stadt gehört sie hin.

Rechts über dem Portal sieht man noch heute
einen Fleck.
Dort war ein Hakenkreuz an dem Gebaude,
jetzt ist es weg.
Damals wurden Kriegsgefangene aus Polen
und Rußland hier zur Arbeit hergeschleppt,
um Hitler die Kastanien aus der Glut zu holen.
Ein paar von ihnen haben überlebt.

Die kleine Fabrik, die kleine Fabrik,
das ist der Ort, wo ich zu Hause bin.
Die kleine Fabrik, die stand schon vor dem Krieg,
und hier in unsre Stadt gehört sie hin.

Die Hallen sind schon alt, doch das Gemäuer
ist noch intakt.
Und wo einst Rasen war, steht jetzt ein neuer
Verwaltungstrakt.
Hier kann man alle Angestellten schnell erfassen,
und weil man so auf Recht und Ordnung hält,
wurden die Gewerkschafter entlassen
oder vorsichtshalber gar nicht eingestellt.

Die kleine Fabrik, die kleine Fabrik,
das ist der Ort, wo ich zu Hause bin.
Die kleine Fabrik, die stand schon vor dem Krieg,
und hier in unsre Stadt gehört sie hin.

Die Hallenfenster sind mit Sommersprossen
aus Dreck verziert,
die großen Eingangstore sind verschlossen
und plombiert.
Nach Kurzarbeit bei steigenden Akkorden
verfuhr die Firmenleitung rigoros:
die Produktion ist ausgelagert worden,
und hundertsiebzig sind hier arbeitslos.

Die kleine Fabrik, die kleine Fabrik,
das ist der Ort, wo ich zu Hause bin.
Die kleine Fabrik, die stand schon vor dem Krieg,
und hier in unsre Stadt gehört sie hin.


Noten


Offline Heiko

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Kurzes Lied finde ich richtig stark!!

« Letzte Änderung: 12. März 2021, 19:36:33 von Heiko »


Offline Burkhard Ihme

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Die "Berner Widerlinge" haben mich beim erneuten Lesen etwas überrascht. Das waren mal "Bonner Widerlinge", und das ist seit dem Umzug des Bundestags nicht so richtig passend.
« Letzte Änderung: 16. März 2021, 11:46:07 von Burkhard Ihme »


Offline Burkhard Ihme

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Kein neuer Text aber die fragende Überlegung, ob man mit einer Neufassung von "Biddla Buh" in ernst vielleicht zuviele Geschmacksgrenzen überschreiten würde. Also nicht nur flockig-makaber drüberweg, sondern ist Detail gehend ...


Offline Heiko

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Fände ich persönlich weniger schlimm als Geschmacksgrenzen zu unterschreiten.
... vielleicht besser auch mit einem alter ego, das nicht gerade weiß und männlich ist.


Offline Heiko

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Oder mit einem Beispiel illustriert: Bringt eine Prostituierte reihenweise ihre Freier um, wäre das eine Geschmacksgrenzüberschreitung. Bringt hingegen ein Freier Prostiuierte um, wäre es eine Unterschreitung.


Offline h-j-urmel

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Hallo Burkhard, hallo Heiko! Bitte beachten, es geht bei diesem Lied in erster Linie um praktizierte Liebe. So verstehe ich die Erklärung vor der dataillierten Beweisführung.


Offline Heiko

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Damit hast du natürlich recht, Urmel. Hatte mich mit meinen Gedanken tatsächlich schon von diesem Aspekt etwas entfernt.


Offline Burkhard Ihme

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Und noch ein uralter Text, den ich hier noch nicht gepostet habe. Zumindest mit einem alter ego, daß nicht männlich ist (zumindest paßt es dann besser).

Du nimmst mich zärtlich in den Arm,
da wird mir heiß und kalt und warm,
und dann küßt du mich, wo ich es gerne mag,
bringst mit Routine und Gefühl
auch deine Hände mit ins Spiel,
doch jetzt mach schnell, mein Freund, es wird bald wieder Tag.
Dann sag mir brav adieu und spiel nicht den Verlegnen,
denn am Tage möcht ich dir nicht gern begegnen.

Du beißt mich liebevoll ins Ohr
wie ein verwegner Matador
und fummelst sachgerecht an meinem Dekolleté.
Wie gut, daß ich schon auf Verdacht
nur leicht bekleidet bin heut Nacht,
denn wenn es hell wird, zieh dich an, mein Freund, und geh.
Vergiß den Mantel nicht, es fängt gleich an zu regnen.
Denn am Tage möcht ich dir nicht gern begegnen.

Du tastetst dich noch etwas bang
an meinen Hüften längs entlang
und kreist den Tatort des Geschehens langsam ein.
Dann sinkt ein Schauer wilder Lust
sowie dein Kopf auf meine Brust,
und dann wird mein Körper mir ein Stück zu klein.
Die Götter mögen deinen Ein- und Ausgang segnen,
doch am Tage möcht ich dir nicht gern begegnen.
« Letzte Änderung: 04. August 2021, 23:04:29 von Burkhard Ihme »


Offline h-j-urmel

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Hallo Burkhard!Ein sehr erotisches Lied. Kannst Du das umschreiben, alles aus Sicht des Mannes?


Offline Burkhard Ihme

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Ich hatte schon vor 41 Jahren das Gefühl, daß das aus Sicht des Mannes mit der Hookline "Doch am Tage möcht ich dir nicht gern begegnen" (und das war die Ausgangsidee) unpassend wäre (den Begriff "frauenfeindlich" gab es ja schon)  und habe das damals nicht gemacht (was ja praktischer gewesen wäre, denn dann hätte ich das selber singen können).

Von daher: Warum? Würde das dann jemand singen und seinen Kopf dafür hinhalten?


Auch wenn man das als überzeichnete Parodie anlegen würde wie "Komm doch zurück zu mir" oder "Hallo, süßes Mädchen", würde das nicht mehr funktionieren. Bei dem Thema kennen die Betroffenen heute keinen Spaß mehr.
« Letzte Änderung: 21. August 2021, 22:21:35 von Burkhard Ihme »


Offline h-j-urmel

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An die 80 er Jahre kann ich mich kaum erinnern. Verschwunden, wie hinter einem Nebel.

Es gibt etliche Künstler, die singen geschlechtsneutrale Lieder, "Deine Spuren im Sand....".und, und, und.....Dein Lied könnte in diese Richtung gebracht werden....dann könntest Du es bedenkenlos singen.  ----Wäre mir dieses, Dein Thema eingefallen, hätte ich vermutlich eine vierte Strophe angehängt, in der irgendwie angedeutet wird, weshalb ich diese Begegnung vermeiden will. --

Jetzt muss ich aufpassen, dass ich nicht "Mitautor" werde, was ich mir vom Prinzip her nicht gut vorstellen kann. Sind ja nur Gedanken.