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Kontakt: Bastian Kopp

Wise Guys

Anke · 34 · 10183

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Offline Anke

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Protest, Protest, Protest.  8-)

Wenn GK sein Lied so vorträgt, dass die Leute lachen müssen, dann ist das m.E. keine Interpretation von ihm, sondern seine ursprüngliche Absicht mit diesem Lied, der Grund, warum er es geschrieben hat, und gehört m.E. daher wesensmäßig-essenziell zu diesem Lied.

Sollte er es dann später mal so singen, dass man dabei wirklich weinen muss (was ich aber für äußerst unwahrscheinlich halte, dass ein Künstler sein eigenes Werk später derart konträr empfinden wird - denn dann passte m.E. vorher etwas nicht oder es war oberflächlich-beliebig; oder es soll eine Parodie auf das eigene Lied sein), dann ist das für mich ein neuer Teil der Kreation. Dann interpretiert er nicht sein altes Lied neu, sondern dann will er ein neues Lied. Das sich in einigen Teilen (Text, Musik) mit dem alten deckt, aber nicht die Absicht dahinter.

Oder kannst du dir eine Operette als vom Librettisten/Komponisten selber ins Traurige uminterpretiertes Stück vorstellen?
Sowas bringt höchstens ein "moderner" Regietheater-Regisseur fertig - und selbst der dürfte sich damit sehr schwer tun.  ::)

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Dass man "Interpretieren" lehrt, ist okay, wenn man fremde Stücke singt oder spielt. Dennoch ist es m.E. richtig, herausfinden zu wollen, was der Urheber dieses Werks gemeint hat, was das Stück an sich wirklich ausdrückt. Denn das gehört m.E. wesentlich zum Stück selber. Aber natürlich ist so viel Empathie nicht jedem gegeben.  :-?

Wenn man GK hätte beibringen müssen, wie er seine eigenen Lieder vorzutragen hat, damit sie wirken, dann hätte er sie m.E. gar nicht geschrieben. Denn er wollte etwas transportieren, nicht einfach dichten und komponieren - da bin ich sicher. (Natürlich wollte er auch daran verdienen.)

Genauso z.B. Reinhard May. Dem musste man wohl auch nicht das "Interpretieren" (Vortragen) seiner eigenen Lieder beibringen.

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Aber ich weiß, dass manchen Vortragenden, die nicht die Urheber sind, völlig wurscht ist, was der Urheber gewollt hat, sie interessiert nur, was sie wollen. Im Prinzip soll auch jeder alles so spielen oder singen dürfen, wie er/sie mag. Bedenklich wird es für mich nur, wenn dann davon ein Einfluss auf andere ausgeht, die diese Interpretation oder Um-Interpretation dann für das authentische Werk halten.

Und schade finde ich es dann, dass die Zuhörer nicht die Möglichkeit bekommen, das eigentliche Werk kennenzulernen, wenn es sehr verfälscht ist.

Dass man bei einem nicht mehr zur Verfügung stehenden Urheber interpretieren muss, ist natürlich klar. Es sei denn, es sind Platten, CDs usw. vorhanden.  :)

Wenn der Urheber bereits tot ist, dann kann er/sie nicht mehr protestieren. Aber wenn der Komponist eines Werkes - eines Violinkonzerts z.B. - noch lebt und die Aufführung miterlebt, dann wird er nicht sehr glücklich bis stinkwütend sein, wenn der Geiger und der Dirigent aus dem Stück etwas ganz anderes "interpretieren" als der Komponist gemeint hat. Es ist dann m.W. eigentlich auch üblich, dass der Geiger und der Dirigent sich mit dem Komponisten zusammenschließen und seine Intentionen so nah wie möglich umzusetzen versuchen.

Ich kann aber verstehen, dass man z.B. in einer Oper, die schon 100x inszeniert wurde, auf neue Ideen verfällt, einfach damit es nicht zu langweilig wird. Allerdings wird die Musik dabei auch nicht wirklich verfälscht, auch der Text kaum bis gar nicht, sondern nur die Umstände.  8-)

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Gegen meine Auffassung von Authentizität wenden sich natürlich diejenigen, die ein Werk als letztlich unabhängig vom Urheber sehen, den Urheber als reinen Vermittler einer göttlichen Inspiration auffassen. (Wie ja auch manche Komponisten/Dichter selbst es taten.) Ob man dann aber diese göttliche Eingebung selber nach Gutdünken uminterpretieren darf, ist ja auch noch die Frage ...  8-)


Offline whoknows

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Wir sollten uns mal über eine Sache einigen: Interpretation in der "Kunst, ein Chanson zu singen" (Yvette Guilbert) ist ein Fachausdruck, und wird als solcher von mir verwendet. Und selbstverständlich schreibt man ein Lied mit einer bestimmten Intention (immer wieder mal, aber auch nicht immer, übrigens) - das ändert nichts daran, dass man es interpretieren muss, wenn man es vorträgt, einfach nur singen ist meistens zu wenig. (bei wirklich gut geschriebenen Liedern funktioniert es zwar auch immer wieder, wenn einfach wer nachsingt - aber kaum hört man dasselbe Lied interpretiert und gearbeitet, hört man sofort den Unterschied.)
Und dabei ist unerheblich, ob man die Intention interpretiert, oder eine andere Intention zugrunde legt (wobei nur wirklich gute Lieder erlauben, verschiedene Auslegungen wirklich schlüssig zu präsentieren).

Der Vortrag (ich bleibe bei den Fachausdrücken) ist dann: singen und dabei vor Leuten stehen. WIE ich singe, WAS ich betone, WAS ich für einen Gesichtsausdruck habe, WO ich Pausen mache, WAS ich für Subtexte habe - das ist die Interpretation. Und selbstverständlich haben sowohl Reinhard Mey als auch Udo Jürgens als auch Georg Kreisler, Gerhard Bronner und alle anderen  das erlernt. Geübt, erlernt - sei es als Autodidakten, oder im Falle Kreislers von anderen. Lernen muss man es. Eine gewisse Begabung muss da sein - den Rest lernt man. (Wobei Reinhard Mey interpretiert nicht sehr.)


Offline Anke

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Jetzt treten sie auch im ZDF auf: http://www.tvmovie.de/Detailansicht_TV-Sendung.84.0.html?&detail=8705030

Wise Guys: "A-Cappella-Comedy-Show 2007"

Beginn: 00:50
« Letzte Änderung: 29. September 2007, 02:32:17 von Anke »


Offline whoknows

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Hier so richtig Anschauungsmaterial zum Thema Interpretation. Der Sänger Jan Degenhart schreibt eigene Lieder, hat eine richtig nette Stimme - und interpretiert NULL. Das hat zur Folge, dass man, wenn man nicht aufpasst wie ein Haftelmacher, keine Ahnung hat, WAS er eigentlich sagt mit seinen Texten. Man kann dem Inhalt nicht automatisch folgen - man muss sich anstrengen.
http://www.webundfilm.de/sites/degenhardt.html

Nachsatz: ich spreche hier - das möchte ich noch mal betonen - rein über das Handwerk der Interpretation, das ist weder eine Aussage über die textliche oder musikalische Qualität der Lieder noch über die Qualität des Vortrags i.e. der Stimme, Bühnenausstrahlung etc. Das sind gesondert zu betrachtende Kriterien.
« Letzte Änderung: 29. September 2007, 19:26:49 von whoknows »


Offline Anke

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Nicht dass du meinst, ich wolle dich ärgern, whoknows  :-* - aber ich verstehe immer weniger, was du mit "Interpretation" meinst.

Was dieser Junge da gemäß meiner Wahrnehmung nicht genügend tut, ist, Kontakt zu seinem Zuhörer aufzunehmen. Deswegen wirkt das auf mich schwierig, flach, anstrengend, es bzw. er "spricht" mich eben ganz wörtlich "nicht an", sondern er verlässt sich leichtfertigerweise und vielleicht etwas zu selbstverliebt darauf, dass ich mich anstrengen und da schon mitkommen werde.

Das hat aber für mich rein gar nichts mit Interpretation zu tun, auch nicht mit Nicht-Interpretation.

Ich habe den Eindruck, dass er sich autistisch darauf konzentriert, wie das Lied seiner Meinung nach klingen soll, wobei er sich m.E. an Reinhard Mey orientiert. Aber das macht er rein formal nachgemacht - es ist oder wirkt zumindest nicht authentisch. Er singt es nicht aus sich heraus und ZU mir, sondern eben aus seinem Kopf heraus und in seinen Kopf hinein.  :-/

« Letzte Änderung: 29. September 2007, 19:57:19 von Anke »


Offline Burkhard Ihme

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Ich habe den Eindruck, dass er sich autistisch darauf konzentriert, wie das Lied seiner Meinung nach klingen soll, wobei er sich m.E. an Reinhard Mey orientiert.
Der Sohn von Franz-Josef Degenhardt orientiert sich ausgerechnet an Reinhard Mey?
Und Sandra Kreisler orientiert sich an Gerhard Bronner ...


Offline Anke

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Der Sohn von Franz-Josef Degenhardt orientiert sich ausgerechnet an Reinhard Mey?
Anders gesagt: Es klingt für mich wie Reinhard Mey.

Jedenfalls klingt es für mich nicht so, als würde er kommunizieren, sondern schön klingen wollen.  :-/


Offline Burkhard Ihme

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Anders gesagt: Es klingt für mich wie Reinhard Mey.
Jeder Laie, der versucht, Bellcanto zu singen, klingt irgendwie wie Reinhard Mey. Übrigens singt Jan da ein Lied von Georges Brassens.

Als ich ihn 1983 beim AG-Song-Treffen in Böblingen hörte, klang er sehr nach seinem Vater. Das versucht er offenbar, jetzt zu vermeiden.


Offline whoknows

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Jedenfalls klingt es für mich nicht so, als würde er kommunizieren,
Na, aber siehste - genau wie beim normalen menschlichen Umgang das Mittel zur Kommunikation meistens die Sprache ist, ist es beim Bühnenmenschen die Interpretation. Ein Handwerkszeug. Wenn ich einen Nagel in die Wand hauen will, brauche ich einen Hammer. Und wenn ich mein Publikum ansprechen will, bzw wenn ich will, dass sie hören, was ich zu sagen habe, brauche ich Interpretation. Singen alleine ist da nur der Nagel.

Übnrigens, Burkhard, würde ich nicht sagen, dass sich Sandra Kreisler an  Georg Kreisler (oder Bronner oder sonstwem) orientiert - und auch Jan vermutlich nicht bewusst an seinem Vater. Man hat Gene, und die schlagen wohl durch, du wirst auch, wenn Du drauf achtest, gewisse Dinge haben, Sätze, Bewegungen, Tonlagen, die Deinen Eltern ähnlich sind, das ist einmal einfach so. Das Wesentliche ist aber, was Du dann damit machst. Sandra ist in vielem auch verblüffend ihrer Mutter ähnlich - aber ich weiss von ihr selbst, dass sie das sicher nicht bewusst macht und auch nicht forciert. Ich nehme mal stark an, dass das bei Jan nicht viel anders ist - aber man kann seine Kinderstube nicht so mirnixdirnix abstreifen.


p.s.: Es gehört zu den mühsamsten und undankbarsten Rollen, Sohn oder Tochter zu sein, und das selbe oder ähnliches zu machen, wie die Eltern. Das geht sicherlich auch Waschmaschinen-Herstellers-Söhnen so in ihrem Umfeld, dass sie ständig auf Leute stossen, die die Eltern kannten - im Bühnenbereich ist das natürlcih noch viel mehr so. Ständig muss man sich reduzieren lassen, ständig kämpft man mit Vorurteilen, seien sie positiv oder negativ: keiner guckt einfach: was macht der/die.
Christian Qualtinger, Peter Wehle jr, Jan Degenhardt und viele andere können ein Lied davon singen, noch mehr sind vermutlich die Kinder, die NUR, weil ihre Eltern in ihrem Beruf so erfolgreich waren, sicherheitshalber einen anderen Job gewählt haben. Nur sehr selten gelingt es, die Eltern vergessen zu machen - Liza Minelli zB ist es gelungen, einigen Amis im Filmbusiness (Michael Douglas etwa)- aber in den Staaten sind die Menschen auch anders drauf, und beurteilen nicht gar so stark nach den Eltern wie in Europa. Der Sohn vom Kinski liest jetzt auch als "Flucht nach vorn" Texte von seinem Vater, die Tochter hat nach kurzer Blüte als junge Frau jetzt offenbar irgendwie aufgegeben - ich beneide Sandra Kreisler oder Jan Degenhardt jedenfalls nicht. 8-)
« Letzte Änderung: 30. September 2007, 11:14:52 von whoknows »