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Autor Thema: Diskriminierung findet im Kopf statt  (Gelesen 3456 mal)

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Offline Bastian

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Diskriminierung findet im Kopf statt
« am: 29. Januar 2013, 15:04:37 »
Der Glaube daran, dass die Sprache ein mächtiges Werkzeug sei, und man durch Veränderungen im Sprachgebrauch einen großen Einfluss auf den Gang der Dinge habe, hält sich hartnäckig. Sprache wird als Medizin angepriesen, die gegen all das helfen soll, das man sich selbst und anderen zufügt: Rassismus, Geschlechterdiskriminierung, Revolution der Machtverhältnisse...

Ist das so?

Vom "Ausländer" zum "... mit Migrationshintergrund":
(Ein paar höchst subjektive Gedankensplitter)

  • Als ich aus der Schweiz nach Deutschland kam, war es 1980 und ich fünf.
    Die anderen Kinder sprachen irgendwie anders, aber ich konnte sie verstehen. Ich lernte sehr früh: Deutsch ist sowas wie Schweizerdeutsch, nur mit einem furchtbaren Akzent. Damals war ich ein Ausländer. Das hatte für mich keine negative Konnotation, was aber sehr gut daran liegen kann, dass ich noch zu jung war das auch so zu empfinden. Mit Sicherheit wurde ich aber auch von niemandem als Bedrohung empfunden, denn sobald ich den Mund aufmachte lächelten alle Deutschen immer so freundlich. Zumindest nahm ich es als Freundlichkeit wahr. (Es dauerte einige Jahre, bis ich darauf kam, dass viele Deutsche einfach komplett durchdrehen, wenn sie erfahren dass ihnen ein Schweizer gegenübersteht. In der Regel reißen sie die Augen auf und quietschen "Huhiheschtli!", oder so ähnlich. Wenn der Anfall vorüber ist, wirken sie immer ganz zufrieden und stolz. Was ist ein Huhiheschtli?)
  • In meiner Jugend kollabierte irgendwann die DDR. Aus manchen Deutschen wurden Ossis. Aus allen wurden jedenfalls Deutsche. Vielleicht zum ersten Mal. Ich war immer noch Ausländer. Nach den Pogromen in Lichtenhagen, Mölln und Solingen erfuhr ich, dass mit mir irgendwas nicht stimmen musste. Es hieß, man solle Ausländer tolerieren. Also ertragen, dulden... Sicher, man meinte nicht mich damit, denn ich war ja kein richtiger, nicht so ein echter Ausländer. Eigentlich sei ich als Schweizer ja praktisch ein Deutscher. Solche Sätze wären früher ein Grund gewesen, sich umgehend ins Reduit zurückzuziehen. Aber erstens war das weit weg. Und zweitens solidarisierte mich das eher noch mit den "richtigen Ausländern".
  • Ausländer wurden also diskriminiert. Und weil so vielen Deutschen das unangenehm war, machte man aus uns Migranten oder Ausländische Mitbürger. Jenachdem, ob man davon ausging, dass wir ein Leben lang herum- als auch wieder wegwandern, oder ob man davon ausging, dass wir bleiben. Für den Fall, dass so ein Ausländer bleibt, sollte sein Bleiben durch die Lüge "Mitbürger" kaschiert und irgendwie gerechtfertigt werden. Bürgerrechte bekam er ja nicht, er sollte nur als Bürger verkleidet werden, damit ihn die Nazis nicht entdecken. Aber ausländisch sollte er eben auch bleiben, darauf legte man Wert.
  • Mittlerweile hat der Deutsche Mitbürger die Tarnung des ausländischen Mitbürgers durchschaut und es bedarf einer neuen Tarnung. Schließlich gibt es immer mehr ehemalige Ausländer und ehemalige ausländische Mitbürger, die tatsächlich so frech waren, die deutsche Staatsbürgerschaft anzunehmen. Viele leben in der zweiten oder dritten Generation hier und sind in Deutschland geboren. Die kann man nicht mal mehr Ausländer nennen, es fehlt also an den Unterscheidungsmerkmalen, die man für die Diskriminierung- hoppla- natürlich für die Bekämpfung der Diskriminierung braucht. Es sei denn... Es sei denn, man definiert den anderen darüber, dass zwar nicht er, aber dafür seine Vorfahren gewandert sind: Voilà, jetzt haben wir den Bürger mit Migrationshintergrund.
  • Was kommt als Nächstes?
Sprache ändert nichts, solange man weiterhin diskriminieren will.

[Edit: ein bisschen nachgefeilt]
« Letzte Änderung: 31. Januar 2013, 21:50:54 von Bastian Kopp »

Offline Heiko

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Re: Diskriminierung findet im Kopf statt
« Antwort #1 am: 31. Januar 2013, 01:15:30 »
Gelegentlich hört und liest man von Migrationshintergründlern, die auf ihren Migrationsvordergrund verweisen. Empfinde das als ungeschickt, da es ein Anderssein noch stärker betont. Aber wenn schon Abgrenzung dieser biografischen Besonderheit gewollt ist, würde ich auf den kulturellen Vorsprung gegenüber Biodeutschen abzielen und sie

Einwanderungskompetenzler

nennen wollen.
Du hast von deinen Erfahrungen geschrieben, die sich mit dem Wohnortwechsel in deiner Kindheit verbanden. Ich habe als junger Mensch ebenfalls einige kulturelle Brüche mitmachen müssen und sie nicht nur als problematisch, sondern teilweise auch als bereichernd empfunden.
Nur wer aus der Rolle fällt, rollt aus der Falle.

Offline Clas

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Re: Diskriminierung findet im Kopf statt
« Antwort #2 am: 31. Januar 2013, 02:08:30 »
Moin Heiko,

-ler ist ganz schlecht, das ist eine abwertende Nachsilbe. Ich bin für -träger.

Wieweit nun Biodeutsche als solche einen kulturellen Nachholbedarf haben... Wer soll das wie feststellen? Diskriminierungsfrei und ganz neutral?

Kulturelle Brüche? Oh, ja, die kann man erleben, ohne auch nur die norddeutsche Tiefebene zu verlassen. Worpswede versus Cloppenburg, zum Beispiel...

Gruß Clas
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Offline Heiko

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Re: Diskriminierung findet im Kopf statt
« Antwort #3 am: 31. Januar 2013, 23:12:01 »
Moin Clas,
magste recht haben. Sollte nicht abfällig sein, mehr die Ironie unterstreichen, bevor mich noch jemand ernst nimmt. Also einfach: Einwanderungskompetente. Denn schwer tragen müssen, sollen sie wegen uns ja nun auch nicht.

-ler eine abwertende Endsilbe? Na gut, aber bei Hitler werde ich sie trotzdem weiter benutzen. Der hat sich schließlich daneben benommen.

Und amüsant finde ich dann allerdings auch, dass wir nicht von Bundeskanzträgerin Merkel sprechen ...

Grüße Heiko
Nur wer aus der Rolle fällt, rollt aus der Falle.

Offline Bastian

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Re: Diskriminierung findet im Kopf statt
« Antwort #4 am: 31. Januar 2013, 23:44:52 »
Ich hab kulturelle Brüche eigentlich fast immer als Bereicherung empfunden. Bei allen Schwierigkeiten die man haben kann, z.B. wenn man sich als zugehörig empfindet, die anderen das aber anders sehen. Oder auch den umgekehrten Fall: Man denkt, man ist ganz anders, nur dass es für die anderen gar nicht so ist. Mich hat als Kind (eigentlich hab ich nur deshalb mit eigenen Beispielen begonnen) die Diskriminierung innerhalb der Diskriminierung gestört.

Auch in Holland: Ich konnte mit einem deutschen Freund zwischen lauter Holländern am Lagerfeuer sitzen (Jugendjahre, 90er). Wir hatten gemeinsam tolle Abende, unterhielten uns in einem Mischmasch aus Deutsch, Englisch und Holländisch. Und bei der Abfahrt steckte mir eine der Holländerinnen: "Ja, Dein Freund ist echt nett, aber die Deutschen sonst..." Übel war das. Anscheinend reicht eine Widerlegung nicht aus um ein Vorurteil zu widerlegen. Umgekehrt konnte er natürlich nicht verstehen, wieso junge Holländer noch etwas gegen junge Deutsche haben. Rechtfertigen konnte ich das natürlich auch nicht, ich fand es ja selbst unverschämt. Aber der Gedanke, dass es in NL auch in meinem Alter noch Menschen gibt, die ihren Opa nie kennengelernt haben, hat ihn nachdenklich gemacht.

Ja, Bereicherung, unbedingt! Allein schon dadurch, dass man Chancen bekommen hat, die Perspektive zu wechseln.



Worauf ich eigentlich hinauswollte: Diese sprachliche Schönfärberei der Diskriminierung. Die ist ja auch bei "Neger" -> "Schwarzer" -> Farbiger -> "Afroamerikaner" -> ... zu sehen. Anstatt einfach nicht mehr auf die Hautfarbe abzustellen, ändert man alle paar Jahre die Bezeichnung. In der Hoffnung, der eigene Rassismus möge einem selbst, und anderen, auch weiter verborgen bleiben.

Es gibt so viele Beispiele für vorurteilsbedingte Sprachregelungen:

"Krüppel" -> "Behinderte" -> "Mensch mit speziellen Bedürfnissen" -> "Anders Befähigte"...
Es hat ja keinen Wert. Jede neu Bezeichnung übernimmt nach einer Zeit die Konnotation der Vorgänger. Solange sich an dem Grund für die Diskriminierung nichts ändert.

Oder im Tretminenfeld der "gendergerechten" Sprache:
- "Frisörin": Da wollten ja gerade die vormaligen "Frisösen" eine andere Bezeichnung haben. Weil männlich ja besser ist. Mit -in hintendran, weil es ja wichtig ist, dass sie Frauen sind. ("Coiffeuse" kommt bis heute nicht in Frage.)

- "Regisseurin": Das selbe in grün, nur etwas besser buchstabiert. Warum, eigentlich, wählen Regisseusen die männliche Form?

Welche Begriffe gibt es sonst noch, denen man ansieht/anfühlt, dass sie eigentlich nur (eigene) Vorurteile kaschieren?

Offline Anke

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Re: Diskriminierung findet im Kopf statt
« Antwort #5 am: 01. Februar 2013, 22:02:17 »
Was ist ein Huhiheschtli?
Lieber Basti,

NUR für den Fall, dass das NICHT nur eine rhetorische Frage war  ;) :
http://de.wikipedia.org/wiki/Chuchich%C3%A4schtli

Dabei habe ich jetzt aber ein wunderschönes neues Wort gelernt: http://de.wikipedia.org/wiki/Schibboleth

Kannte das schon jemand von euch?  :D

Offline Anke

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Re: Diskriminierung findet im Kopf statt
« Antwort #6 am: 01. Februar 2013, 22:13:46 »
Ich muss ganz ehrlich sagen, dass mich dieses ständige Umtaufen von vermeintlich oder wirklich diskriminierenden Wörtern anwidert und ich diese Moden so weit es geht nicht mitmache.

Denn ich meine: Natürlich ist bei vielen Leuten mit einer bestimmten "Sache" auch Diskriminierung/Ablehnung verbunden. Also z.B. bei einem ausländisch wirkenden Menschen Ablehnung von Ausländern. Das heißt aber doch keineswegs, dass JEDER und dass ICH diese Diskriminierung TEILE und dass bei JEDEM und bei MIR die Bezeichnung für diese "Sache" , z.B. der Begriff "Neger" irgendwie diskriminierend gemeint ist!

Ich kann jeden älteren Menschen verstehen, der völlig arglos dieses von Kindheit an bekannte und gewohnte Wort für Menschen mit einer schwarzen Hautfarbe gebraucht. Und ich finde es total lächerlich, aus diesem Begriff eine Beleidigung abzuleiten. "Schwarzer" bedeutet nichts anderes als "Neger" bzw. "niger" (lat: schwarz), und ich empfinde "Schwarzer" sogar als viel diskriminierender, da es ja wirklich jeden, selbst den Ungebildetsten, auf die Hautfarbe hinweist, wogegen bei "Neger" nur die lateinisch gebildeten diesen Farbhinweis erkennen.

Und wie ihr ja schon gesagt habt: Die Wörter/Begriffe haben nach kürzester Zeit wieder genaus dieselben Konnotationen wie ihre Vorgänger. Die Umbenennungen sind m.E. völliger Blödsinn.

Anderererseits macht es mich wütend, wenn vor lauter "political correctness" überhaupt keine Kritik mehr an unseren "ausländischen Mitbürgern" als zulässig erachtet wird. Wenn etwas zutreffend ist, dann sollte man es auch sagen dürfen - ob es einer Gruppe gefällt oder nicht. Andernfalls wird man gegenüber anderen Gruppen ungerecht.

Offline Bastian

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Re: Diskriminierung findet im Kopf statt
« Antwort #7 am: 02. Februar 2013, 12:10:03 »
NUR für den Fall, dass das NICHT nur eine rhetorische Frage war  ;)
Ach soooo! :)
Und ich hielt es immer für eine deutsche Begrüßung... ::)

Schön, aber tatsächlich nur für Schweizer, ist das "Chuchichäschtli-Orakel"
http://dialects.from.ch/
Daniela Wakonigg hatte mir das bei unserem Interview gezeigt. Da war ich wirklich baff, dass es mich nach all den Jahren noch immer anhand von ein paar Dialektwörtern punktgenau in Zürich einordnet.

Offline Heiko

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Re: Diskriminierung findet im Kopf statt
« Antwort #8 am: 02. Februar 2013, 23:57:22 »
Die Sache ist doch, dass Neger nicht nur ein Fremdwort für Schwarze ist, sondern eine andere, minderwertigere gesellschaftliche Stellung impliziert. Manches mal schon, dass ich hörte: "Ich bin doch nicht dein Neger!" Das funktioniert mit "Schwarzer" oder "Afrodeutscher" eben nicht. Ebenso könnte man behaupten, "Nigger" zu verwenden sei ok, weil es früher ok war oder behauptet wird, es sei nicht abfällig gemeint. Die betroffenen Gruppen müssen schon ihr eigenes Empfinden miteinbringen dürfen. Frauen möchten nicht Fräulein genannt werden, Homosexuelle nicht Schwuchteln u.s.w.

Ich finde aber auch, dass man älteren Menschen nicht immer gleich die Rassismuskeule um die Ohren muss. Diskutieren kann man es allemal. Und ob nun der Neger-Begriff aus Preusslers und Lindgrens Werken gestrichen werden muss, möchte ich nicht festlegen. Man könnte mit diesen Werken nämlich auch kritisches Lesen mit Kindern üben. Dieses konservativ-nostalgische Argument, dass ein Stück Kindheit geklaut würde, finde ich allerdings albern.

Ja, Sprache ist wirkmächtig, aber nicht allein entscheidend. "Neger" kann freundlich gemeint und "Mensch mit Migrationshintergrund" abfällig. Insofern gebe ich euch Recht: Nicht die Worte, sondern die (innere) Haltung ist entscheidend.
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Offline Burkhard Ihme

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Re: Diskriminierung findet im Kopf statt
« Antwort #9 am: 04. Februar 2013, 04:37:10 »
Die Sache ist doch, dass Neger nicht nur ein Fremdwort für Schwarze ist, sondern eine andere, minderwertigere gesellschaftliche Stellung impliziert. Manches mal schon, dass ich hörte: "Ich bin doch nicht dein Neger!"
Mit der selben Begründung müßte man alle Bezeichnungen für Behinderte (Spastiker etc.) verbieten. Bei "Krüppel" ist das faktisch ja passiert. Nur ist die Frage, ob man sich den Sprachgebrauch von geistigen Tieffliegern bestimmen lassen sollte. Die Schwulen haben sich die Bezeichnung ja gerade erst trotzig und tapfer erkämpft. Nur weil die jetzt inflationär und inhaltlich meist falsch von unhöflichen Menschen verwendet wird, sollten sie jetzt wieder was neues finden? Das ist dann wie beim Jazz, dessen progessive Elite immer wieder vom Mainstream adaptiert wurde und von etwas noch schräger klingendem abgelöst werden mußte.
« Letzte Änderung: 04. Februar 2013, 13:36:23 von Burkhard Ihme »

Offline Heiko

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Re: Diskriminierung findet im Kopf statt
« Antwort #10 am: 04. Februar 2013, 08:30:06 »
Hallo Burkhard,
da stimmt - bis auf, dass ich überhaupt nicht vom Verbieten schreibe, geschweige denn gemeint hätte. Ich denke aus meinen Beiträgen kann man themenübergreifend herauslesen, dass ich Aufklärung prinzipiell vor irgendwelchen Verboten setze. Aber willst du denn abstreiten, dass "Neger" viel stärker mit Sklaventum und Minderwertigkeit verbunden ist, als neuere Begriffe?
Und ich wüsste auch nicht, warum eine Weiterentwicklung von Sprache und Jazz verkehrt sein sollte.

Gruß Heiko
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Offline h-j-urmel

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Re: Diskriminierung findet im Kopf statt
« Antwort #11 am: 04. Februar 2013, 10:48:51 »
Hallo Burkhard,
woher hast Du die Information, dass sich "die Schwulen" dafür eingesetzt haben, als Schwule bezeichnet zu werden? Für homosexuell orientierte Menschen war und ist es eine Diskriminierung. Schwul wird weiterhin negativ verwendet, gilt als Schimpfwort und wird bewusst abwertend eingesetzt. Daran ändert die Aussage von Wowereit nichts. In Zweibrücken wurde kürz ein "Aufklärungskalender" für Schüler verteilt. Darin ist zu lesen: "Nüchtern cool, saufen schwul". Einer Berliner Studie zufolge verwendeten fast zwei Drittel der Grundschüler "schwul" oder "Schwuchtel" als Schimpfwörter.

Offline Clas

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Re: Diskriminierung findet im Kopf statt
« Antwort #12 am: 05. Februar 2013, 08:06:14 »
Moin, moin,

auch hier gibt es wohl nicht "die Schwulen", aber doch Menschen, denen die Besetzung dieses Begriffes durch die Betroffenen wichtig ist. Die sich selber selbstbewusßt so verstehen und benennen.

Die diskriminierend gemeinte Verwendung gibt es natürlich auch. Bei "Schwuchtel" dominiert sie für mein Gefühl. Bei "schwul"  macht, meine ich, der Ton die Musik und die Diskriminierung oder eben das selbstbewusste Outing. "Es darf kein Abend vorbeigehen, ohne einen schwulen Angriff, meinerseits..." Prinz Chaos II in der Anmoderation der "Ballade vom Edelweißpiraten Nevada Kid" Auf der Degenhard Geburtstagscd, zum Beispiel.

Grundschüler können die Bedeutung noch gar nicht so recht ermessen, scheint mir.

Gruß Clas
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Offline Bastian

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Re: Diskriminierung findet im Kopf statt
« Antwort #13 am: 10. Februar 2013, 18:34:05 »
In Zweibrücken wurde kürz ein "Aufklärungskalender" für Schüler verteilt. Darin ist zu lesen: "Nüchtern cool, saufen schwul".
Das finde ich wirklich krass. Und der Spruch soll laut einem Sprecher der Stadt einfach "durchgerutscht" sein? Was sitzen denn da für Leute?
http://www.queer.de/detail.php?article_id=18466
Was für eine lächerliche Ausrede, wenn man bedenkt, wieviele "schlaue" Köpfe sich üblicherweise für so ein Projekt zusammensetzen.

Offline Clas

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Re: Diskriminierung findet im Kopf statt
« Antwort #14 am: 11. Februar 2013, 12:42:27 »
Moin, moin,

auf die Frage, was das wohl für Leute sind, fällt es ja schwer, die naheliegende Antwort zu unterdrücken, es handele sich vermutlich um Pfälzer...

-

Tatsächlich daneben wohl eher um anbiedernde, kleinstädtische Pädagogen, selber wahrscheinlich nicht offen schwul und einen wirklich weiten Blickwinkel haben sie wohl auch kaum... Tunnelblick auf das in den Focus genommene Problem und eine fragwürdige Bereitschaft, sich auf irgend so ein Jugendsprech unkritisch einzulassen, wenn es denn der Vermittlung des focussierten Problemes dienlich zu sein scheint.

Gruß Clas
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Offline Burkhard Ihme

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Re: Diskriminierung findet im Kopf statt
« Antwort #15 am: 12. Februar 2013, 04:19:12 »
Worauf ich eigentlich hinauswollte: Diese sprachliche Schönfärberei der Diskriminierung. Die ist ja auch bei "Neger" -> "Schwarzer" -> Farbiger -> "Afroamerikaner" -> ... zu sehen. Anstatt einfach nicht mehr auf die Hautfarbe abzustellen, ändert man alle paar Jahre die Bezeichnung.
Auf was soll man sich denn sonst beziehen? Die Herkunft ist ja in der Regel nicht bekannt (Afro-Amerikaner sind keine Afro-Amerikaner und umgekehrt). Jerôme Boateng ist z. B. als Münchner nicht wirklich präzise beschrieben (schließlich kommt er aus Berlin), als Deutscher weder offensichtlich noch eindeutig (meist bewegt er sich ja in Gruppen anderer Deutscher). Natürlich ist er als Schwarzer neben seinen Mannschaftskameraden Dante, Alaba und Gustavo (zwei Brasilianer, ein Österreicher) auch unzureichend gekennzeichnet. In der Regel werden aber solche Bezeichnung entweder als Beschreibung ganzer Bevölkerungsgruppen verwendet oder als Alleinstellungsmerkmal innerhalb einer Gruppe. Und da ist das Offensichtliche nun mal das, mit dem man sich am besten verständigen kann. Das ist der einzige Weiße unter Schwarzen (z. B. in der südafrikanischen WM-Mannschaft 2010) oder eben der einzige Schwarze unter Weißen (Asamoah bei der WM 2002 und 2006, Pierre Sanoussi-Bliss in "Der Alte").

Offline Heiko

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Schweiß und Warz
« Antwort #16 am: 12. Februar 2013, 13:08:56 »
Behaupte mal, die einen Menschen sind ebenso wenig schwarz wie die anderen weiß. Man möge testweise ein Blatt Papier neben ein "weißes" Gesicht halten. Würde die Hautfarbpalette bei "Weißen" stattdessen mit beige, rosa und grau umreißen. Und bei afrikanischen Hauttypen, hmm, mein Sohn hat als Kind in aller Unbefangenheit von den braunen Menschen gesprochen, was einer adäquaten Farbbeschreibung deutlich näher kommt als schwarz.
Und spräche man tatsächlich von den "Beigen" und den "Braunen", man wäre auf einmal viel ähnlicher. Mit "schwarz" und "weiß" wird dagegen nicht nur eine schärfere Abgrenzung zwischen Gruppen konstruiert, sondern ein geradezu natürlich erscheinender Gegensatz - ein symbolisch hoch aufgeladener obendrein: hier das Weiße, also das Gute, Helle, Saubere - dort das Schwarze, Dunkle, Schlechte, ...
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