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"Wenn sich wer öffnet, mach' ich doch nicht zu. Noch einmal frag ich: Was sagst Du?" (Georg Kreisler, "Was sagst Du?")


Autor Thema: Heute Abend: Lola Blau  (Gelesen 76336 mal)

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Offline Guntram

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Re: Heute Abend: Lola Blau
« Antwort #75 am: 05. März 2007, 10:53:20 »
http://www.pesterlloyd.net/Archiv/2007_10/0710kultur/0710kultur.html

Das was ich  meine steht ziemlich unten. Hat einer schon mal von der ungarischen Version von Lola Blau gehört? Und gibt es viellleicht sogar eine CD?
« Letzte Änderung: 05. März 2007, 10:53:43 von guntram »
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Offline whoknows

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Re: Heute Abend: Lola Blau
« Antwort #76 am: 05. März 2007, 16:56:09 »
Ich habe mal gehört, dass die Lola in alle europäischen Sprachen übersetzt ist. Aber mehr weiss ichauch nciht ....

Offline Guntram

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Re: Heute Abend: Lola Blau
« Antwort #77 am: 05. März 2007, 23:51:54 »
Ich habe jetzt mal eine Weile gegoogelt, mit speziellen Ländereinstellungen.

Es gibt relativ viele Treffer in Polen, Ungarn und vermutlich Rumänien (Länderkennung ro). Weiter gab es Einzeltreffer für Finnland, Schweden, Spanien, Griechenland.

Da ich der Sprachen nicht so mächtig bin, bin ich auf Vermutungen angewiesen. Aber die Seiten haben sich meist auf Aufführungen bezogen wobei für mich nicht erkennbar war ob Lola Blau in Landessprache oder Deutsch gezeigt wurde. Shops die CD in diesen Sprachen angebiete waren nicht dabei.

Am wahrscheinlichsten halte ich es, das es eine CD auf ungarisch gibt. Meine Eltern wollen im Sommer nach Ungarn. Ich werde sie mal drauf ansetzen.  ;)
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Offline Alexander

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Re: Heute Abend: Lola Blau
« Antwort #78 am: 12. März 2007, 19:01:11 »
Der schlimme Alexander war am vergangenen Wochenende nicht in Düsseldorf (sondern insgesamt mehr als 18 Stunden in Regionalzügen anderswohin), holt sich wahrscheinlich einige berechtigte Wortfront-Rüffel dafür und berichtet:

ETWAS SEHR KOMPAKT

Georg Kreislers „Heute Abend: Lola Blau“ im Jüdischen Theater in Berlin, 10.3.2007

Der umtriebige Theaterprinzipal und Regisseur Dan Lahav berichtet vor Vorstellungsbeginn, dass wir uns in einem ehemaligen Ballsaal und einer aufgelassenen Tanzschule befinden. Nun versucht das Jüdische Theater, in der Neuköllner Jonasstraße Fuß zu fassen. Vor der Bühne gibt es einige bequeme Stuhlreihen wie im Kino, der hintere Saalbereich lädt in der Pause als Salon ein. Daran schließt die Bar an. Wie so oft verzichtet man auf ein Bühnenbild bei diesem Musical. Requisiten füllen die kleine Bühne ohnedies, hinten an den Kleiderhaken hängen die notwendigen Kostüme, ein paar Lichtwechsel machen das Übrige. Dan Lahav arbeitet vielfach mit den Original-Hörspieleinblendungen der Topsy Küppers-Aufnahme, nur die beiden Männer-Monologe sind (mit Möwengeschrei im Hintergrund) neu eingespielt. Überhaupt hat man zunächst den Eindruck, hier sei man dem Original sehr verpflichtet. Am weißen Zimmermann/Bechstein Pianino rechts vor der Bühne spielt die junge Barbara Schnabel sehr korrekt den Klavierauszug, natürlich gut abgestimmt mit der Lola Blau, aber doch ohne die unbedingte Leidenschaft, welche das Klavierspiel außergewöhnlich machen könnte. Regisseur Dan Lahav hat mit zwei Lola-Darstellerinnen geprobt (im Programmblatt sind dazu sogar drei Pianistennamen genannt), diesmal sehen und hören wir Anja Kellermann (und der Schreiber fragt vor Beginn schon mal nach, ob die andere Darstellerin Sumse-Suse Keil auch noch mal in die Rolle der Lola schlüpfen wird, Grund genug für eine weitere Berlin-Reise). Anja Kellermann ist der robuste Frauentyp. Es spricht für ihr Talent, für ihre schauspielerischen und gesanglichen Fähigkeiten, dass sie als Lola trotzdem total überzeugt. Speziell im ersten Teil geht ihre Darstellung sehr unter die Haut. Ihre helle, sehr wortdeutliche und facettenreiche Stimme, die unverstärkt eingesetzt wird, erinnert an Musicalstimmen im besten Sinn. Lolas Karrierestart als junge Künstlerin fällt in die ungünstigste Zeit, sie muss zu Kriegsbeginn statt nach Linz in die Schweiz auswandern und reist von dort weiter in die USA. Ausgerechnet im Jüdischen Theater auf das Lied „Ich hab a Mäderle“ verzichten zu müssen, bleibt dem Schreiber ein Wermutstropfen, zumal das den ersten Teil abschließende „Herrliche Weib“ beweist, dass Anja Kellermann „den Typ“ sehr wohl drauf hätte. Regisseur Dan Lahav begründet diesen Wegfall in der Pause dem Schreiber gegenüber mit dem Bestreben nach nötiger Kompaktheit. Dieses Bestreben (hier „rächt sich“ die Werkkenntnis des Schreibers extrem) bringt im zweiten Teil überraschenderweise eklatante Lücken im Stückverlauf. Nach „Sex is a wonderful habit“ wirft die Lola der Pianistin den Zylinder zu, und wir hören ein Blues-Rock-Klaviersolo (leider auch allzu korrekt gespielt). Es gibt keine Shownummer, auch „Der Herr ist mir fremd“ ist gestrichen. Lolas Erfolg wird nur mit Jubelberichten durchs Radio vermittelt. Völlig ausgespart ist die dem Alkohol verfallende Lola. Ins Lied „Ich hab dich zu vergessen vergessen“ eingeflochten sind die Telefonate mit Leo und dem Management, eine für den Kenner des Werks das Stück völlig verfremdende nüchterne, fast lieblose Szene. Immerhin dürfen die „Frau Schmidt“, „Alte Tränen“, natürlich „Im Theater ist nichts los“ (komödiantisch toll, die Operettenparodie, die Ungarin und die Berlinerin werden zu den absoluten Hits der Vorstellung!) und der Mozart („Wo sind die Zeiten dahin?“ als alte Wiener Dampfplauderin am Telefon mit einer Erna – das wirkt für den geborenen Wiener wie eine Elfriede Ott Parodie!) und „Zu leise für mich“ drin bleiben. Interessant das Finale dieses Liedes (und der Aufführung): Lola, jetzt Kabarettistin in Wien, hat sich den Mantel angezogen, ist kurz mit ihrem Koffer auf ein Podest gestiegen und setzt als Nachsatz noch einmal die nachdenklichen Worte „Was man allen alles sagen könnte …“ hinzu, ehe die Pianistin mit einem Abwärtsglissando für den Schlusspunkt sorgt. Die Weglassung einiger Lieder, insbesondere des „alkoholischen“ Teils, schmerzt sehr. Denn Anja Kellermann ist eine wunderbar authentische, vielschichtige, vielseitige Lola, auch wenn der Altersunterschied bei ihrer Rollengestaltung nicht so fein herausgearbeitet wurde wie in anderen Inszenierungen. Also dann, noch einmal nach Berlin, zu Sumse-Suse Keil als Lola Blau, wenn es denn terminlich klappt; im April gibt es auch noch Vorstellungen …


Informationen zum Theater:
www.bamah.de
« Letzte Änderung: 12. März 2007, 19:14:25 von Alexander »
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Offline whoknows

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Re: Heute Abend: Lola Blau
« Antwort #79 am: 13. März 2007, 00:36:02 »
Das Stück ist zwar anstrengend - spielt sich aber wie Butter für eine halbwegs sensible und talentierte Frau - das grosse Problem ist sehr häufig, dass die Regie dem Stück nicht vertraut, und blöd kürzt.

Und wortfront ist garnicht sauer - ist doch klar, dass eine Lola für den Lola-Sammler wichtiger ist. :-*
Ausserdem gibt's ja diesen Frühling noch drei Gelegenheiten - und im Herbst wieder....

Offline Alexander

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Re: Heute Abend: Lola Blau
« Antwort #80 am: 13. März 2007, 14:00:04 »
Heute hat mich das Theater im Viertel aus Saarbrücken angerufen. Wollte am 28.4. dorthin. Die Lola Blau dort ist abgesetzt, "wegen eines Ausfalls". Schade drum ...
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Offline whoknows

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Re: Heute Abend: Lola Blau
« Antwort #81 am: 13. März 2007, 14:17:57 »
Na, vielleicht ist dann Witten, Oberhausen oder Köln eine Option?  ;)

Offline Alexander

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Re: Heute Abend: Lola Blau
« Antwort #82 am: 13. März 2007, 15:34:03 »
"Der Zug" fährt doch sicher dorthin - und man hört ihn doch auch ... oder?
Ist zwar (wie man so schreibt) off topic, aber JA NATÜRLICH: Das sind immer Optionen.
29.3. und 31.3. kann ich leider sicher nicht, aber Köln hab ich mal vorgemerkt.
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Offline whoknows

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Re: Heute Abend: Lola Blau
« Antwort #83 am: 13. März 2007, 16:02:01 »
Ist zu hören - und in einem, wie ich finde, noch viel schöneren Arrangement!
« Letzte Änderung: 13. März 2007, 16:02:25 von whoknows »

Offline Alexander

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Re: Heute Abend: Lola Blau
« Antwort #84 am: 31. März 2007, 21:51:19 »
Hier gibt es Videoausschnitte aus Usedom 2005:
http://www.warnlika.de/media/lola_blau.wmv
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Offline Alexander

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Re: Heute Abend: Lola Blau
« Antwort #85 am: 23. April 2007, 18:30:54 »
DREI TAGE MIT „LOLA BLAU“

„Heute Abend: Lola Blau“, das Musical von Georg Kreisler in Meiningen, Stralsund und Frankfurt am Main, 20. bis 22.4.2007

Eine Deutschlandrundfahrt übers Wochenende zu drei verschiedenen Inszenierungen – der Schreiber ist nun mal vernarrt in dieses großartige Werk, und die Reisestrapazen (ca. 28 Stunden in Zügen) nimmt er gern in Kauf (zumal bei diesem Traumwetter). Von München aus geht es am Freitagnachmittag, es ist der 20.4.2007, über Würzburg und Schweinfurt nach Thüringen.

Meiningen hat einen Englischen Garten und einen netten Johannes-Brahms-Spazierweg. Die Kammerspiele des Schauspiels, das stolz vermerkt, von Meiningen aus hätte im 19. Jahrhundert das Regietheater seinen Ausgang genommen, entpuppen sich als typische „Mini-Halle“, als Werkstattraum für allerlei Theaterprojekte. Eine verschlafene Klofrau setzt sich an ihren Platz, den Eingang zu einer WC-Anlage. Ein Kunde kommt, geht am Klavier vorbei und stellt neben diesem ein etwas klotziges Tape Deck ab, nimmt eine Klorolle und geht aufs WC. Dann setzt er sich zum Klavier. Die Klofrau legt sich auf das Klavier, der Mann spielt Mozarts Türkischen Marsch. Dann liest er eine Zeitung. Ein Artikel animiert sie, über Chinesen, Japaner, Serben, Kroaten, Juden („… sind gar nicht so schlimm“), Türken, Neger, Inder und Araber zu monologisieren. Der Mann am Klavier hilft ihr in die Rolle der „Lola Blau“, verdeutlicht, dass wir uns ins Jahr 1938 versetzen und gibt mit einem Triller am Klavier das Telefonsignal zum eigentlichen Stückbeginn. Am Klavier liegen allerlei Requisiten, und was nicht dort ist, holt Lola Blau aus ihrer Klofrau-Manteltasche, etwa den Telefonhörer. Am und auf dem Klavier spielt Lola sehr viel, und als Kulisse dient daneben diese WC-Kachelwand mit Holzbank und Abstellregal, ebenfalls aus Holz, wo die Kunden Münzen ins Schüsserl werfen sollen (Bühne: Nicolaus-Johannes Heyse). Später lässt sich diese Kulisse um 180 Grad drehen, dann wird sie zur Konzertkulisse, mit roten Vorhängen. Lola Blau, die junge, naive Künstlerin, will die Ereignisse des Jahres 1938 nicht wahrhaben. Sie muss über Basel in die USA emigrieren, macht dort Showkarriere, verfällt dem Alkohol und kehrt als sensibler gewordene, gereifte Künstlerin nach Wien zurück, wo sie Kabarettistin wird. Wer Kreislers Textbuch gut kennt, bemerkt, wie frei Regisseur Matthias Brenner mit den Zwischentexten umgeht. Nahezu nichts wird vom Original übernommen. Die Abschnitte zwischen den Liedern werden als Kabinettstückchen der Interaktion zwischen der in der Artikulation sehr deutschen, unverstärkt singenden Hauptdarstellerin Lydia Bicks und dem zumeist clownesk verschmitzten, humoristisch mitmachenden Pianisten und zweitem Hauptdarsteller (als diesen sollte man ihn in dieser Regie schon anerkennen) Rudolf Hild aufbereitet. Das große Plus dieser Aufführung ist die tolle, fein ausbalancierte Abstimmung der beiden aufeinander, im Schauspiel wie bei der Musik. Hild ist ein Musiktheaterprofi, der Kreislers Vorlagen souverän und hochmusikalisch, jazzig groovend oder harmonisch feinfühlig ausbalancierend, der Inszenierung anpasst. Dabei ist er viel mehr als reiner Begleiter, es ist eine echte Partnerschaft gegeben, die die Musiknummern ungemein spannend macht. Das klotzige Tape Deck wird nur für ein paar Geräusche benötigt, alle „Nebenrollen“ und historischen Zusammenhänge werden von den beiden, stark modifiziert, übernommen. Das Schiffsdeck imaginiert diese Lola, indem sie hinten auf die Kulisse steigt und ihren Koffer oben hinlegt. Wer die Schriftstellerin Jutta Richter kennt, fühlt sich beim Frauentyp dieser Lola Blau-Darstellerin an sie erinnert (nur zwanzig Jahre jünger). Hier agiert eine Schauspielerin, die auch singt, und das tut sie in hervorragendem Chanson-Tonfall, um ihre Grenzen sehr gut wissend. Lydia Bicks spricht und singt oft einzelne Zuschauer direkt an. Der Schreiber musste etwa am Basler Bahnhof verneinen, eine Nachricht von Herrn Leo Glücksmann für Lola erhalten zu haben. In keiner der drei Aufführungen (soviel sei vorweggenommen) hört der Schreiber das jüdische Kreisler-Lied von der Treue „Ich hab a Mäderle“. Kaum eine Inszenierung traut sich über diese Nummer. Alle Auftritte mit Kaftan und entsprechender Kopfbedeckung brillieren gleich mit dem „herrlichen Weib“ (und führen in die Pause). „Sex Is A Wonderful Habit“ wird in Meiningen als „Chorus Line“ Nummer aufbereitet, mit Blazer, Stock und weißem Zylinder, zu dem Lydia Bicks eine weiß-silbrige Liza Minnelli-Perücke trägt. Georg Kreisler lässt danach ja offen, welche Shownummer die Lola Blau nun singt, um ihren Erfolg in Amerika herauszustreichen. Er schreibt, sie könne auch einen Strip bieten. Eine nicht ganz so schlanke Lola wie Lydia Bicks löst das Problem großartig: Zu „Puttin´ On The Ritz“ (am Klavier gespielt) zieht sie eine Barbie-Puppe aus. Die etwas überzeichnet gehetzt wirkende „Frau Schmidt“ erhält ihre Wirkung erst unmittelbar danach mit dem brutalen Kontrast völliger Dunkelheit. Lola leuchtet mit einer Taschenlampe durch das zerbombte Wien und beginnt die „Alten Tränen“ wie eingekauert in einem Mauerspalt. Es braucht hier keine Schwarzweißprojektionen, um die Beklemmung und das Entsetzen beim Anblick der Zerstörung auf das Publikum zu übertragen. Ein ganz starker Moment dieser Aufführung! Virtuose Outrage liefert Lydia Bicks bei der Glanznummer „Im Theater ist nichts los“. Die Mozart-Verwortung „Wo sind die Zeiten dahin“ bleibt hier hingegen ausgespart. Fand der Schreiber den Anfang etwas umständlich einführend, so bleibt ihm doch der Ausklang von „Zu leise für mich“ (das Lied vom Künstler, der nicht „gehört“ wird) als die Aufführung kongenial schließende, in der kleinen Geste so stark und eindringlich wirkende „Pointe“ in Erinnerung, die ohne den Anfang nicht so eine Wirkung hätte: Lola wirft resigniert eine Münze ins Schüsserl und verlässt die Bühne durch die Tür in die WC-Anlage. Das Publikum anerkennt die Leistungen mit herzlichem, aber nicht zu langem Beifall (wie oft bei Aufführungen dieses Musicals).

Man steigt in Eisenach um, wenn man weiter (über Berlin, wo Anja Kellermann, vom Schreiber schon gesehen, am selben Tag im Jüdischen Theater die Lola Blau spielt) an die Ostsee nach Stralsund fahren möchte.

Es ist Samstag der 21.4.2007. Das Theater Vorpommern führt sein Repertoire an mehreren Spielstätten in Greifswald, Putbus und Stralsund auf. Die Spielpläne (zumindest online) geben für den ersten Überblick zu ungenau Aufschluss, wo genau sich der Spielort der Stralsunder „Lola Blau“ befindet. Der Schreiber, sonst gerne überpünktlich, kommt nach einigen Irrwegen, ohnedies erst eineinviertel Stunden vor Vorstellungsbeginn in der Stadt angekommen, ziemlich unmittelbar vor Beginn im Brauhaus an. Wieder eine „Mini-Halle“. Diesmal eine echte Bühne (Dirk Wächter), in der Mitte vorne eine Rampe, hinten die Leinwand für Bildprojektionen, daneben „Tore“ für Auf- und Abgänge etc., an den Seiten auch Kulissen zum fallweisen Verkleinern der Bühne. Lola Blau tritt im Abendkleid auf, der Pianist spielt „Zu leise für mich“ an. Lola zieht sich für den Beginn, das Telefonat mit Onkel Paul, auf der Bühne um. Diese Inszenierung (Alexandra Kieser) bleibt akribisch genau am Original, wie man es von Topsy Küppers´ Aufnahme her kennt. Es gibt die Zuspielungen der zeithistorischen Musiken und Reden sowie Radioausschnitte, es gibt die Zeitgeschichte erschütternd einfangende Schwarzweiß-Bildprojektionen (womit Aufführungen dieser Art ungleich mehr als andere den Hintergrund der „Karriere“ Lolas sehr deutlich machen); die Monologe und Stimmen aus dem Hintergrund sind aber alle neu eingespielt worden. In großem Respekt vor Kreislers Vorlage werden alle Regieanweisungen sehr genau beachtet. Christina Winkel ist eine ältere „Lola Blau“ Darstellerin. Sie kommt – man hört es deutlich – von Oper, Operette und Musical, im weitesten Sinn von der E-Musik. Ihr Gesangsstil verleugnet dies nicht. Dieser (nicht abwertend gemeint) „Anneliese Rothenberger-Tonfall“ ist aber (mehr noch als in Lübeck, vor einigen Wochen gehört) sehr gewöhnungsbedürftig. Als Darstellerin schlüpft sie brillant und facettenreich in jede „Lola Blau“-Rolle. „Handwerklich“ ist dies eine ganz tolle Lola Blau. Am Klavier hält sich Pianist David Grant auch sklavisch an das Original. Er kommt genauso wie Christina Winkel von der E-Musik, hat schon namhafte Personen aus diesem Bereich begleitet. David Grant ist der klassische Begleiter. Auf ihn kann sich die Künstlerin absolut verlassen, aber eigene Facetten steuert er nicht bei. Neben ihm sitzt eine Dame an einem weiteren „Notenpult“. Zuerst denkt der Schreiber, da werde wohl eine Flöte so manches Lied bereichern. Es ist aber eine Souffleuse und Requisiteurin. Ob Gedanken zur Befindlichkeit, ob Shownummer, Christina Winkel weiß das in Stralsund seltsam angeheitert wirkende Publikum zu überzeugen. (Offensichtlich sind einige persönliche Bekannte im Raum, die gewisse „Gags“ der Darstellung quasi wie Insider belachen.) Es ist eine Rollengestaltung, der man zwar fasziniert zusieht, die aber professionelle Distanz spüren lässt. Mit dieser virtuosen „Lola Blau“ lebt man nicht so unmittelbar mit wie mit anderen. Die „Sex“-Nummer macht sie im Dirndl, das teilweise zu Motiven der US-Flagge aufgeknöpft wird. Als Shownummer hören wir „My Heart Belongs To Daddy“. Und die „Frau Schmidt“ singt diese bewundernswert brillante „Lola Blau“ als Putzfrau. Genauso erschütternd wie am Vortag kommen die „Alten Tränen“ rüber, diesmal zu den Bildern der zerbombten Häuser. Absoluter Höhepunkt der Aufführung ist die Verwortung der Mozart-„Sonata facile“. Da tritt Christina Winkel als Marie Antoinette in einem herrlichen Kostüm auf und agiert teilweise wie eine Puppe. Bei dieser Nummer tragen auch Pianist und Souffleuse Mozart-Perücken. „Zu leise für mich“ beginnt Lola geschockt von der Nachricht, die sie eben erhalten hat (Leo wurde provoziert und musste mit auf die Polizei) – um sich danach während des Liedes abzuschminken. Wenn Christine Winkel dann zum Liedausklang abgeschminkt vor dem Publikum steht, hat sie jene Natürlichkeit erreicht, die ihr die „Kunstfiguren“ bisher scheinbar „verweigert“ haben.

Von Stralsund nach Frankfurt am Main gibt es eine Direktverbindung, man sitzt halt siebeneinhalb Stunden im IC und sieht die Menschen in Rostock, Hamburg, Hannover usw. kommen und gehen.

Die Katakombe ist eine ambitionierte Kleinbühne. Sieht gar nicht aus wie eine Katakombe, sondern „ganz normal“ wie ein neues Kleintheater mit aufsteigenden Sitzreihen. An diesem sonnigen 22.4.2007 finden aber nur etwa 17 Leute den Weg dorthin. Die Bühne zeigt „Requisitenabteile“: Telefontischchen, Abschminkplatz und das andere Übliche. Auch die Frankfurter „Lola Blau“ orientiert sich grundsätzlich stark am Original. Es gibt hier zwar keine Bildprojektionen, aber viele Zuspielungen (Musik, Reden, Radioausschnitte). Das Ereignis schlechthin ist die umwerfend-herzlich-natürliche „Lola Blau“ der Carola Moritz. Eine attraktive Frau, wohl so um Mitte 30, die wie selten eine andere dieser Rolle eine wunderbare Natürlichkeit gibt, in Spiel und Gesang. Da lebt uns ein Mensch seinen Lebensweg vor, und gerade die kleinen Zusätze zum auch hier sehr genau inszenierten Buch Kreislers, wenn sie etwa immer wieder Leos Bild in die Hand nimmt und ihn mitleben lässt an ihren Freuden und Sorgen, machen diese Inszenierung (wohl von Carola Moritz selbst) einmalig. Besonders überraschend ist der Wiener Slang, den sie hören lässt. Dass es eine angelernte Kunstsprache ist, die sie übrigens auch bei Nestroy grandios anwenden könnte, klingt nur ganz selten durch (etwa beim Wort „Waschermädel“). Ein großes Sprach-Imitationstalent erlebt man in Frankfurt! Pianist Michael Vardopoulos hat schon bei der Premiere am 1.9.2000 am Kawai ES1 gespielt, und das hört man. Es ist so gefährlich, jahrelang dasselbe Stück zu spielen. Bei Frau Moritz merkt man absolut nichts von Routine, bei dem Pianisten schleichen sich fallweise deutliche „Ohas“ ein. Ansonsten hält er sich stark ans Original, nutzt bei einigen Nummern aber sehr schön die Klangvielfalt des Instruments. Für alle Nebenrollen ist in dieser Aufführung Gregor Michael Schober zur Stelle, als Vermieter, Schaffner, Ansager, Briefbote, Herr Berger, Herr Schmidt und Herr Nowak. Anfangs tendiert er zur Karikatur des jeweiligen Typs, im zweiten Teil gewinnt seine Darstellung aber an Ernsthaftigkeit. „Sex Is A Wonderful Habit“ gibt Carola Moritz als Lolita, mit Kleidchen und Zöpfen. Und dann kostet sie den Showteil aus, gleich mit drei Nummern in unterschiedlichen Kostümen: „42nd Street“, „The Lady Is A Tramp“ und (Stralsund lässt grüßen!) „My Heart Belongs To Daddy“. Originell unterlegt der Pianist die „Frau Schmidt“ mit Drehorgelsound und „Wo sind die Zeiten dahin“ (davor spielt er ein Mozart-Medley, während sie sich umzieht) mit Spinettklang. Wermutstropfen dieser „Lola Blau“ ist der Wegfall der „Alten Tränen“. Apropos „Wo sind die Zeiten dahin“: Da tritt Carola Moritz wie „Mozart in Zivil“ auf, mit Notenständer zur Einstudierung eines Stücks. Eindringlich das Ende, wenn „Zu leise für mich“ nicht mit dem Nachspiel, sondern mit einem Break nach dem letzten Gesangston endet.

Dreimal „Lola Blau“, dreimal ganz anders. Der Schreiber wundert sich noch, dass ein Nacht-IC von Frankfurt nach München ein ICE-Zug ist – und wie viele Leute des Nachts durch Deutschland mit dem Zug fahren. Ab sofort gilt die Vorfreude den nächsten „Lola Blau“-Inszenierungen …  
« Letzte Änderung: 23. April 2007, 20:43:01 von Alexander »
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Offline whoknows

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Re: Heute Abend: Lola Blau
« Antwort #86 am: 23. April 2007, 19:57:12 »
Wie immer ist es ein Genuss und eine Freude, wenn Du, Alexander, uns so ausführlich teilhaben lässt an Deinen Erlebnissen. Ich hätte aber eine winzigkleine Anmerkung: Es würde das Lesen extrem erleichtern, wenn Du ab und zu Absätze einbauen würdest... :-*

Offline Alexander

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Re: Heute Abend: Lola Blau
« Antwort #87 am: 23. April 2007, 20:43:59 »
Absätze: Habe ich jetzt verdeutlicht. Waren vorher schon da, aber mit Zeilentrennung wird´s deutlicher.
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Offline whoknows

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Re: Heute Abend: Lola Blau
« Antwort #88 am: 24. April 2007, 00:29:25 »
Immer wieder genau dieselben Bilder wie bei der Uraufführung. Dirndl bei "Sex is..", Puppe bei "Wo sind die Zeiten.." immer wieder das abschminken am Schluss - zeigt auch ein gut geschriebenes Stück, wenn den Regisseuren einfach immer dasselbe dazu einfällt. 8-)

Was ich erstaunlich finde: dass sich keine/r über das "Mädele" traut. Eine Nummer, die viel mehr "menschelt" als das "Herrliche Weib", das ja eher Karikatur ist. GK röche da sicher wieder was dahinter....
« Letzte Änderung: 24. April 2007, 00:30:42 von whoknows »

Offline Guntram

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Re: Heute Abend: Lola Blau
« Antwort #89 am: 25. April 2007, 10:39:46 »
Ganz schöne Tour Alexander, wie immer herrlich zu lesen.

Eine Anmerkung zu Meinigen, Lola Blau auf dem WC. Ich kann mir vorstellen wie GK über die Aufführung denken würde, nachdem ich gehört habe was er über den Adam Schaf im Boxring (Berliner Aufführung) gesagt hat.

Er liebt Regisseure die Bühnenstücke nach eigenem Gusto umarbeiten nicht gerade.  8-)
« Letzte Änderung: 25. April 2007, 10:40:17 von guntram »
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Offline Alexander

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Re: Heute Abend: Lola Blau
« Antwort #90 am: 20. Mai 2007, 23:36:05 »
LOLA BLAU, IMPULSIV

„Heute Abend: Lola Blau“ von Georg Kreisler auf der Werkstattbühne im Pfalztheater Kaiserslautern, 18.5.2007

Wenn man so wie der Schreiber ein Stück ganz besonders schätzt und sich viele verschiedene Inszenierungen ansieht, ist es jedes Mal wie ein Nachhausekommen, nur ist die „Einrichtung“ jeweils eine andere, und der „Lebenspartner“ des Stücks durchlebt zwar dasselbe Leben, gibt diesem aber meist eine völlig individuelle Farbe, die es ermöglicht, über das logischerweise sich einstellende Vergleichen hinweg sich jedes Mal neu in diesen Lebensweg fallen zu lassen, die fundamentale Situation der erzwungenen Emigration mit zu leben, den Weg vom naiven jungen Talent des Jahres 1938 zur resignierten Kabarettistin der Nachkriegszeit im „Kabarett Kaiserschmarrn“ mit zu gehen. Mit genialen Chansons führt Georg Kreisler durch diesen Lebensweg, vom großen „Sie war liab“ (mit dieser sich so wunderbar einprägenden weitläufigen c-Moll-Melodie!) zum Thema der Verlogenheit des Menschen über „Weder – noch“ zum Thema Heimatlosigkeit bis zu den Charakterliedern unterschiedlichster Stilistik („Die Wahrheit vertragen sie nicht“, „Der zweitälteste Frauenberuf der Welt“, „Frau Schmidt“), die vielfach gleichzeitig brillante Studien ermöglichen („Im Theater ist nichts los“) bis zum Resignationslied der nicht gehörten Interpretin („Zu leise für mich“). In Kaiserslautern steht (ähnlich Ulm) eine breite Bühne zur Verfügung, die Platz bietet für den Schminktisch, einen Kleiderständer, einen Paravent, einen Kaffeehaustisch mit Thonet-Stuhl, den Flügel (die Pianistin schaut zum Publikum!), ein Plakatgestell (hier werden „die Bühnenbilder umgeblättert“) und ein Gitter mit Rettungsring (für die Schiffsszenen). Hinten variable Vorhänge.  Kaiserslauterns „Lola Blau“-Vorstellung beginnt mit einem vollgriffigen Klaviersolo der hervorragenden Pianistin Eva Herrmann. Lola, ein junger Wirbelwind voller Energie, blättert das erste Bild auf, das Zimmer in der „Pension Aida“, aus dem sie bald ausziehen muss. Astrid Vosberg ist eine jüngere Lola Blau, vielleicht kann man sie irgendwo mit der jüngeren Kiri te Kanawa vergleichen (vom Frauentyp her). Sie hat eine helle Stimme, hörbar Musical-geschult, unverstärkt, sehr konzentriert und sinnvoll Sprechgesang einsetzend. Die Zuspielungen der Radiomeldungen und Nebenrollen kommen alle vom Band. Statt Bild- oder Filmprojektionen (bzw. einem Bühnenbild) gibt es die von Lola oder der Pianistin immer weiter geblätterten Plakatmotive. Diese „Lola Blau“-Aufführung atmet großartige Musikalität: Die einfühlsame und vollblut-musikantische Pianistin gibt den Chansons kongeniale Grundfarben, auf denen sich Astrid Vosberg vielschichtig austoben kann, dabei aber stets herzlich und zutiefst emotional den Charakter der Lola Blau für uns durchlebt, auch die Älterwerdung stark akzentuiert. Die Regie von Peter Nüesch respektiert Kreislers Vorlage bis in winzigste Details. Einige Momente fallen auf, weil sie sich von anderen Inszenierungen abheben. So wird Lola bei ihrem ungeschickt beginnenden Solo „Die Wahrheit vertragen sie nicht“ vom eingeblendeten Publikum ausgebuht, erkämpft sich aber (großartig gespielt von Astrid Vosberg!) den Erfolg vor dem anwesenden Livepublikum mit Bravour. Die vielfach fast überexakte Herausarbeitung der darstellerischen Details mischt sich mit der Tendenz zur Outrage, was andererseits eine sehr lebendige, quirlige Darstellung der Lola Blau bewirkt. Endlich hört der Schreiber mal dieses großartige jüdische Lied „Ich hab a Mäderle“. Selten ist das Thema Untreue herzlicher und liebevoller eingefangen worden als in diesem genialen Kreisler-Chanson, über das sich die wenigsten Lola Blau-Darstellerin drüber trauen. Astrid Vosberg „schafft“ die Nummer ganz großartig. Das „Herrliche Weib“ danach kontrastiert sie toll spitzbübisch. Im zweiten Teil dieser sehr impulsiven Aufführung singt sie „Sex is a wonderful habit“ im Dirndl und danach ein Medley aus amerikanischen Klassikern (mit „Moonlight Serenade“ und „I Got Rhythm“). Weggelassen werden in Kaiserslautern „Ich liebe dich“ und (leider) „Alte Tränen“. „Frau Schmidt“ hören wir von einer Putzfrau gesungen. „Wo sind die Zeiten dahin“ bringt Astrid Vosberg in einem goldenen Abendkleid. Der resigniert-verzweifelte, fast etwas überzeichnete Schluss passt zu dieser sehr impulsiven, musikantisch und musikalisch total gelebten Aufführung.
„Die Kunst ist eben keine hübsche Zuwaage – sie ist die Nabelschnur, die uns mit dem Göttlichen verbindet, sie garantiert unser Mensch-Sein.“ (Nikolaus Harnoncourt)

Offline whoknows

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Re: Heute Abend: Lola Blau
« Antwort #91 am: 21. Mai 2007, 10:59:15 »
Klingt ziemlich spannend - hätte ich gern gesehen!!! Danke, Alexander - ich finde das enorm bereichernd, dass Du so eine "LolaBlauDisziplin" hast!!!

Offline Alexander

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Re: Heute Abend: Lola Blau
« Antwort #92 am: 16. Juni 2007, 20:56:52 »
EINE HALLE FRISST DIE LOLA

„Heute Abend: Lola Blau“ von Georg Kreisler im Kulturforum Fürth, 15.6.2007

Für Fürth ist es wohl eines der großen kulturellen Ereignisse des Jahres, die „Bayerischen Theatertage“ auszurichten. Staatsminister Thomas Goppel wird vom Veranstalter zu Beginn dieses Abends begrüßt. Ob es für den Minister ein Pflichttermin oder ein Anliegen ist, die Karriere der jüdischen zunächst unpolitischen Wiener Künstlerin Lola Blau von 1938 bis nach dem Zweiten Weltkrieg mitzuverfolgen, sei dahingestellt. Wir befinden uns in einer jede Stimmung und Atmosphäre abtötenden Mehrzweckhalle, die zwischen Bühne und Publikum mit mächtigen Säulen aufwartet, mittels derer es wirklich möglich ist, von jedem Platz im Publikumsbereich mindestens einen Teil der Bühne nicht sehen zu können. Dazu gesellt sich eine verheerend schlechte Akustik, die jedes Wort brutal schluckt. Die Bühne ist hingepflanzt, am nächsten Tag beim nächsten Gastspiel wird eine andere hingepflanzt. Das Rahmengestell vorne dient wohl als Lichtanlage auch bei Popkonzerten. Heute ist das Landestheater Dinkelsbühl an der Reihe. Man hat eine ordentliche, konservative, sehr sorgfältig die geschichtlichen Hintergründe beachtende Inszenierung des Musicals von Kreisler erarbeitet (Regie und Bühne: Peter Cahn). Die Filmleinwand rechts bringt Filmzuspielungen mit Hans Albers und Heinz Rühmann, Wochenschauausschnitte und sogar die monologisierenden Nebenrollen des Stücks. (Es gibt aber auch Zuspielungen vom Band.) Auf der Bühne verteilt sehen wir die üblichen Requisiten, in der Mitte hinten ermöglicht ein halbrunder Vorhang, den man drehen kann, die Illusion eines Zimmers. Links steht der Stutzflügel, der Pianist schaut in den Winkel hinaus, von der Bühne weg. Die Lola Blau wird gespielt von Jördis Johannson, eine junge Lola-Darstellerin, ein Frauentyp zwischen Lena Stolze, Julia Jentsch, Sophie Rois oder Stefanie Stappenbeck. Am Flügel sehen und hören wir den der Bravheit des ganzen Abends kongenial angepassten Christian Bader. Bei den Musiknummern sind beide akustisch verstärkt zu hören – eine sehr gute Entscheidung der Regie. Jördis Johannson ist sprachlich eine sehr deutsche Lola, sie ist (und bleibt) eine junge Lola, ihr grundsätzlich sehr natürliches Spiel verliert etwas an Wirkung, weil der ganze Abend viel zu brav abläuft, zu wenig innerlich das Publikum mitzunehmen vermag. Es ist durchaus möglich, dass diese Inszenierung in kleinerem Rahmen intensiver wirkt. Einen Großteil der Atmosphäre schluckt die schreckliche Halle, da kann die Lola noch so beherzt singen und schauspielern, erst recht, als ein Regenguß aufs Hallendach prasselt. Sie hat eine wenig ausgebildete Gesangstimme, zumindest hat man mehrmals den Eindruck, Jördis Johannson könnte bei einigen Passagen (vor allem in der Höhe) mit ein paar guten Tipps von Fachleuten mehr aus den Nummern herausholen. Recht nett wirkt der Auftritt als jüdischer Charlie Chaplin mit dem „Mädele“ und dem „Herrlichen Weib“ am Schiff auf der Fahrt in die USA. Wieder einmal gibt es „Sex is a wonderful habit“ im Dirndl, und bei der Nummer rächt sich die tötende Hallenatmosphäre besonders. Die Regie hat ein zweimaliges Da Capo eingebaut, was hier, an diesem Abend in Fürth, völlig stimmungstötend krampfhaft wirkt. Da tut einem die beherzte Lola-Darstellerin schon echt leid. Immerhin, ihr Medley kommt ganz gut an. Überraschend hat man ein deutsch-englisches Marlene Dietrich-Zarah Leander-Potpourri ausgewählt: „Ich bin die fesche Lola“, „Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt“, „Yes Sir“, „Ich weiß, es wird einmal ein Wunder geschehn“ und „I may never go home any more“. Nicht zu hören sind diesmal „Wie kommt es“ und „Alte Tränen“. Die Mozart-Bearbeitung „Wo sind die Zeiten dahin“ hört man ziemlich gekürzt. Den stärksten Moment erlebt die Aufführung ganz am Ende, wenn sich diese Lola abschminkt. Mit „Zu leise für mich“ spürt man jene Authentizität, deren Präsenz den ganzen Abend vielleicht um vieles eindringlicher gemacht hätte, trotz der fürchterlichen Halle. Immerhin: Allein Kreislers Vorlage ist ja stark genug, ziemlich unter die Haut zu gehen, auch bei widrigsten äußeren Umständen, und das dürfte bei den meisten Besuchern sehr wohl angekommen sein.
« Letzte Änderung: 17. Juni 2007, 09:25:03 von Alexander »
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Offline whoknows

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Re: Heute Abend: Lola Blau
« Antwort #93 am: 16. Juni 2007, 22:50:56 »
Seufz. Ich kann mich bei dieser Schilderung richtig hineinfühlen......

Offline Burkhard Ihme

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Re: Heute Abend: Lola Blau
« Antwort #94 am: 17. Juni 2007, 03:54:14 »
Quote (selected)
ein Frauentyp der Art Sophie Scholl, Julia Jentsch, Sophie Rois oder Stefanie Stappenbeck
Die sind ein Frauentyp?
Du bist vermutlich der einzige von uns, der Sophie Scholl persönlich kennt.

Mir war bisher neu, daß Marlene Dietrich Zarah-Leander-Schlager gesungen hat. Ist das verbürgt?

Offline Alexander

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Re: Heute Abend: Lola Blau
« Antwort #95 am: 17. Juni 2007, 09:24:16 »
Es gibt ja einige Fotos von Sophie Scholl (nunmehr aber in der Kritik durch Lena Stolze ersetzt).
Zarah Leander wurde ergänzt. Danke für die Hinweise, Burkhard!
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Offline Burkhard Ihme

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Re: Heute Abend: Lola Blau
« Antwort #96 am: 18. Juni 2007, 18:49:27 »
Wer sich einen Eindruck verschaffen will: Stefanie Stappenbeck ist heute um 20.15 im ZDF in der Komödie "Das Zimmermädchen" zu sehen.
Und um 0.50 Uhr kommt auf ARTE Julia Jentsch als Sophie Scholl.
« Letzte Änderung: 18. Juni 2007, 21:49:27 von Burkhard_Ihme »

Offline Alexander

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Re: Heute Abend: Lola Blau
« Antwort #97 am: 23. Juni 2007, 20:25:49 »
LOLA ALS VAMP

„Heute Abend: Lola Blau“ in der Werkstatt des Theaters Konstanz, 22.6.2007

Auf der Werkstattbühne des Theaters Konstanz wird nicht Georg Kreislers „Heute Abend: Lola Blau“ von Georg Kreisler gezeigt, sondern „Regisseur Markus Bauer macht aus Georg Kreislers Musical ein eigenes Werk“. Das ist nirgendwo angekündigt, es wird das Original beworben. Von diesem sind aber nur Fragmente übrig geblieben. Insofern ist diese Inszenierung eine Mogelpackung. Klammert man aus, das Werk recht gut zu kennen (was der Schreiber nicht kann), erlebt man eine anachronistische, schräge Theaterstunde.

Nach wie vor muss Lola Blau 1938 von Wien aus über Basel in die USA emigrieren, von wo sie nach 1945 und nach diversen Alkoholabstürzen als für die politische Situation sensibler gewordene Kabarettistin zurückkehrt. Was von Kreisler blieb, sind vielfach stark gekürzte Lieder (wenn  sie überhaupt „überlebt“ haben) und ansatzweise inhaltliche Weiterführungen. Im Grunde erzählt Regisseur Markus Bauer aber die Gesichte eines Pop-Vamps, einer verr(a)uchten Bühnengöre mit lasziver Ausstrahlung. Wummernde E-Gitarren vom Band führen in die Szenerie ein. Zwei Männer bringen Requisiten auf die Bühne, auch einen Schrank. Der eine Mann setzt sich links ans verstimmte Pianino, der andere rechts an einen Tisch. Hinten, vor dem silbernen Vorhang, der wie Lametta aussieht, stehen schon andere Schränke. Der Mann am Klavier (Peter Kosiol) wird öfter aufstehen und uns erklären, in welchem Jahr wir sind und was da weltpolitisch passiert. Ansonsten wird er, ganz der professionelle, souveräne, routinierte Barpianist, die wenigen verbliebenen Reste von Kreislers genialen Chansons begleiten. Der Mann am Tisch (Wieland Härter) wird Fahnenpfeile in die Bühnenmitte werfen, um das Land anzudeuten, in dem die jeweilige Szene spielt. Und er wird alle Nebenrollen übernehmen und damit den „Spielball Lola“ mehrmals großteils heftig abprallen lassen. Er ist die zynische, brutale Realität, an der diese Lola letztendlich resigniert. Eine im Grunde sehr schöne Regieidee. Regisseur Markus Bauer vertraut aber nur wenig auf den Text Kreislers. Er inszeniert Stimmungen, schafft Momentaufnahmen, in denen Lola (Susi Wirth) zwischen dem Klavier und dem Tisch hin- und her geworfen wird. Ihr Enreee? Aus dem Schrank, den die beiden Männer hereingefahren haben.

Es gibt kein „Im Theater ist was los“. Eine Handpuppe erklärt Lola, dass sie aus der Pension Aida ausziehen muss. Während der Umziehpausen sinniert wieder eine E-Gitarre, dazu drehen sich die Lichtsterne im Raum. Diese sehr ausdrucksstarke Lola singt mit rauchiger, lasziver Stimme. Leider singt sie nur wenig von dem, was Kreisler anbietet. In Zürich etwa gibt sie keineswegs „Die Wahrheit vertragen sie nicht“, sondern nur „Ich bin die fesche Lola“. Es ist kein Ort, wo sich eine Künstlerin wohl fühlt. Ein besoffener Möchtegernexhibitionist läuft mit zwei Luftballons vor der Hose herum und will damit imponieren. Die Zigarette rauchende Lola versucht, ihm zu entkommen. Lola fährt dann mit dem Schiff nach Amerika. Zwar meint der Mann für alles, sie möge auch für die Passagiere der 2. Klasse singen, diese Lola tut es aber nicht (weder das „Mädele“ noch das „Herrliche Weib“), stattdessen langweilt sich und uns ein einsamer Mundharmonikaspieler, bis Lola endlich „Sex is a wonderful habit“ als exaltierter Vamp ausspielt. Die geile Anbiederung des Fans kotzt sie an („Der Herr ist mir fremd“), dabei trägt sie eine rote Joggingjacke. Sie muss wieder vor das Publikum, dreimal schafft sie es noch, „Sex is a wonderful habit“ hinzuspucken, dann geht sie k.o. – vom Alkohol und dem Exhibitionismus ihrer Kunst zerstört. Während sie reglos auf der Bühne liegt, stellt sich der Mann für alles mit dem Textbuch zum Klavier und trägt bewusst ausdruckslos „Heut will ich mich besaufen“ vor. Der Pianist präludiert „Ich hab dich zu vergessen vergessen“, und Lola spricht dazu, auf das Wiedersehen mit Leo hoffend, den Text, als spontane Idee in ein Sprechmikro des Mannes, zwischen Sehnsucht, Verzweiflung und Resignation. Ein ganz starker Moment! Es gibt aber kein Telefonat mit Leo, Lola will ihn in Wien finden. Wieder monologisiert die Handpuppe, diesmal als deutscher Handelsreisender am Schiff. Aber: Keine „Frau Schmidt“, keine „Alten Tränen“, kein Versuch, den Theaterdirektor am Telefon zu erreichen, kein „Im Theater ist nichts los“ (wie kann man nur!), kein „Wo sind die Zeiten dahin“ – sofort nach der Handpuppe das finale Lied „Zu leise für mich“. Dann sagt Lola „Saujude“, und die E-Gitarre wummert wieder. Lola geht in den Schrank zurück, die beiden Männer bauen ab und räumen die Requisiten weg.

Wer „Heute Abend: Lola Blau“ kennen lernen möchte, sollte sich nicht die Inszenierung in Konstanz ansehen. Wer die Kreativität des Regisseurs Markus Bauer kennen lernen möchte, wird dort nicht enttäuscht werden. Die Veranstaltung sollte aber bitte auch entsprechend korrekt beworben werden…

Fotos zu dieser Aufführung gibt es hier:
http://www.theaterkonstanz.de/tkn/veranstaltungen/01207/index.htm
« Letzte Änderung: 23. Juni 2007, 22:58:26 von Alexander »
„Die Kunst ist eben keine hübsche Zuwaage – sie ist die Nabelschnur, die uns mit dem Göttlichen verbindet, sie garantiert unser Mensch-Sein.“ (Nikolaus Harnoncourt)

Offline Guntram

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Re: Heute Abend: Lola Blau
« Antwort #98 am: 23. Juni 2007, 22:50:23 »
Alexander wie immer schön zu lesen. Hört sich doch wie Regietheater an, oder?

GK würde den Regiseur lieben .... ::) ::) ::) ::)



PS: Alexander mach doch an und zu einen Absatz, ich hab Probleme beim lesen.  ;)
Träume sind nicht Schäume, sind nicht Schall und Rauch,
sondern unser Leben so wie wache Stunden auch.
Wirklichkeit heißt Spesen, Träume sind Ertrag. Träume sind uns sicher schwarz auf weiß wie Nac

Offline whoknows

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Re: Heute Abend: Lola Blau
« Antwort #99 am: 23. Juni 2007, 23:26:32 »
Sag mal - bei all den Kürzungen - wie lang war bitte det Janze? 20 Minuten?  ;)

 

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