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"Wenn sich wer öffnet, mach' ich doch nicht zu. Noch einmal frag ich: Was sagst Du?" (Georg Kreisler, "Was sagst Du?")


Autor Thema: Literarische Vorbilder  (Gelesen 4297 mal)

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Offline Burkhard Ihme

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  • Erschienen im November 2017: COMIC!-Jahrbuch 2018
Literarische Vorbilder
« am: 25. Februar 2008, 17:32:06 »
Ich frage mich immer, ob Kreisler seine Vorbilder nur im amerikanischen Musikschaffen sah (Cole Porter, Abe Burrows, Tom Lehrer – dessen "I hold Your Hand in Mine" er ja neu vertont hat) oder auch die deutsche Tradition kannte (Tucholsky, Kästner, Mehring, Weinert, Mühsam, Brecht). Friedrich Hollaender war ja sein Schwiegervater, auch Hanns Eisler hat er persönlich gekannt. Aber kannte er auch deren Werk? Und gibt es Beeinflussungen? Und natürlich Nestroy, Raimund, Leopoldi.
Hat er Zeitgenossen wahrgenommen (Hüsch, Degenhardt, Süverkrüp, Hedemann, später Wecker oder gar Bodo Wartke)?

Offline niels

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Re: Literarische Vorbilder
« Antwort #1 am: 25. Februar 2008, 20:12:30 »
Von GK selbst kenne ich dahingehend nur wenig Äusserungen, nur bezgl. Nestroy und Reutter. Besonders Reutter, ja überhaupt die ganze Berliner und Wiener Couplet-Schule, scheint mir sehr prägend. Dann freilich die deutschen Schlager und Chansons der Zwanziger, vor allem musikalisch und im Bezug auf die Aufführungspraxis. Nicht nur Holländer ist da wichtig, viele andere dazu und vor allem Benatzky. Bei dem hat Kreisler mE ziemlich viel mitnehmen können, etwa was die Textstruktur angeht (Reime!), und einige Zeilen sind tel quel übernommen. Für den Stil sind vielleicht auch einige Franzosen wichtig, etwa Chevalier oder Allais. Die meisten Klassiker des Musikkabaretts, also Brecht, Mehring, Tucholsky, höre ich weniger heraus, wohl aber Wedekind. Last not least waren ihm auch seine Wiener Kollegen aus den 50ern stets ein Inspirationsquell, auch wenn er an denen kein gutes Haar lässt. Auch da, besonders bei Wehle, zerfliessen die Grenzen zwischen Inspiration und Diebstahl...

GK hat eine Menge Referenzen in der Kabaretttradition, aber erstaunlicherweise sehr wenig bei den Kabarettisten und Bänkelsängern seiner eigenen Zeit. So konnte sein Werk, wenngleich alles andere als vom Himmel gefallen, doch in seiner Zeit eine ziemlich singuläre Erscheinung bleiben. Oder?

Offline niels

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Re: Literarische Vorbilder
« Antwort #2 am: 26. Februar 2008, 03:49:28 »
Schon eher der Kreisler. Nachzuhören bei "Kabarettisten singen Klassiker" und "Wiener Cocktail" (ein konkretes Beispiel: Wehles Sketch "Das neue Lied" hat GK immerwieder mal aufgeführt, zB als "oh bedecke meinen Hund mit Nüssen"). Es sei denn freilich, damals sind Ideen von GK unter Namen der andern rausgekommen, was ja auch gut möglich ist. So gross sind meine Worte aber auch dann nicht, GK war ja mit dem Urheberrecht stets grosszügig und hat immer wieder mal irgendwo abgekupfert. Was ich übrigens auch nicht weiter schlimm oder disqualifizierend finde.
« Letzte Änderung: 26. Februar 2008, 03:55:23 von niels »

Offline Guntram

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Re: Literarische Vorbilder
« Antwort #3 am: 26. Februar 2008, 23:15:16 »
Die LP Kabarettisten singen Klassiker ist nicht gerade ein gutes Beispiel. Es ist eine Zusammenstellung von Austextierungen zu denen GK auf der Everblacks etwas erzählt. Nur bei einem Lied auf der LP hat er mitgeschrieben und das wurde dann auch noch von Gerhard Bronner, Kurt Jaggberg, Georg Kreisler, Heltmut Qualtinger, Peter Wehle gemeinsam gebracht. Zwei Lieder singt er allein hat aber am Text nicht mitgewirkt.

Ich denke am Ende der Brettl-Zeit spätestens mit den Seltsamen Gesängen emanzipiert er sich. Mit den Nichtarischen Arien knüpft er an alte Traditionen an. GK hat sicher seine Vorbilder und ist von anderen beeinflußt worden, aber es ist müßig zu ergründen von wem mehr oder weniger.

Quote (selected)
Wehles Sketch "Das neue Lied" hat GK immerwieder mal aufgeführt
Gibt es dafür einen Nachweiß?
Träume sind nicht Schäume, sind nicht Schall und Rauch,
sondern unser Leben so wie wache Stunden auch.
Wirklichkeit heißt Spesen, Träume sind Ertrag. Träume sind uns sicher schwarz auf weiß wie Nac

Offline niels

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Re: Literarische Vorbilder
« Antwort #4 am: 27. Februar 2008, 19:31:23 »
Ich habe ihn den Sketch zweimal mit BP spielen sehen. Weiss halt nicht ob es von den späten Programmen Mitschnitte gibt, kenne also keinen eigentlichen Nachweis. Die zwei LPs habe ich erwähnt, weil dort die meisten seiner Kollegen dieser Zeit zu hören sind und man drum die von mir behaupteten Parallelen nachhören kann.

Ich hätte die Plagiatsdiskussion hier nicht einbringen sollen, sie interessiert mich nicht. Abgekupfert haben stets viele, von Chaplin bis zu den Fanta Vier, und das sagt nichts über die Schaffenskraft dieser Künstler aus. Es ging ja hier um die Vorbilder. Und das scheint mir schon eine spannende Diskussion, da bin ich nicht deiner Meinung, Guntram. Denn gerade bei einem Künstler, der wie GK oft wie ein erratischer Block zwischen den andern Künstlern seiner Zunft wirkt, ist es interessant, wo er mit seinem sehr eigenständigen Stil anknüpft. Gerade bei Künstlern, die auf irendeine Art singuläre Erscheinungen sind (wie zB Satie), sind diese Anknüpfungen eben besonders spannend.

Offline Heiko

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Literarische Vorbilder/ Die Wanderniere
« Antwort #5 am: 22. Februar 2009, 20:36:12 »
Es gibt von Alexander Moszkowski (1851 - 1934) ein 1909 (in: "Lustige Blätter") veröffenlichtes Gedicht namens "Die Wanderniere". Die Idee ist die gleiche wie bei Kreisler.


[size=12]Die Wanderniere[/size]

Das Wandern ist der Niere Lust,
Das Wandern!
Das müßt ´ne schlechte Niere sein,
Der niemals fiel das Wandern ein!
Die gute Niere aus Prinzip
Folgt immer ihrem Wandertrieb,
Sie wandert hin, sie wandert her,
Sie wandert ohne Bädeker,
Sie wandert auf, sie wandert ab,
Sie wandert ohne Wanderstab,
Sie wandert hier, sie wandert da,
Sie wandert bis zur Prostata,
Sie wandert ohne Schmerz und Harm
Vom Querdarm zum Zwölffingerdarm,
Sie wandert ohne Scheu und Arg
Vom Bauchfell bis zum Rückenmark,
Sie wandert, was sie wandern kann,
Sie sieht sich mal die Leber an,
Und mal das rechte Herzgelaß,
Und andermal den Pankreas,
Und mal den linken Lungenplatz,
Und andermal den Schwertfortsatz,
Sie rutscht mal zum Appendix her,
Und überhaupt, sie rührt sich sehr,
Sie wandert froh und selbstbewußt
Von einem Teil zum andern,
Das Wandern ist der Niere Lust,
Das Wandern!

(A. M.)


Ob Moszkowski nun ein explizites Vorbild war, bleibt zu bezweifeln. Es ist zwar nicht auszuschließen, dass Kreisler ihn kannte und sich auch durchaus hat inspirieren lassen. Aber es kann auch schlicht Zufall sein.
Gk ist natürlich genial genug, um selbst auf die Idee der wandernden Niere gekommen zu sein, als er über diesen Begriff gestolpert ist. Auch die Übereinstimmung der Texte in der Zeile "Das Wandern ist der Niere Lust" (bzw. bei Kreisler: "denn das Wandern ist der Niere, Niere Lust") ist kein überzeugendes Indiz. Denn wer denkt bei einem Wanderlied nicht sofort an des Müllers Lust?

Dass Moszkowski wie Kreisler aus jüdischem Hause stammte, spielt bei der Frage nach einer Vorbildsfunktion wohl eine nachrangige Rolle.
Seine politische Zuordnung zum nationalliberalen Flügel spricht jedenfalls dagegen, auch wenn dabei bedacht werden muss, dass Kreisler zur Entstehungszeit seiner Wanderniere noch weniger stark politisiert war als später in Siebzigern.

« Letzte Änderung: 06. Juni 2009, 22:04:36 von heikoholic »
Nur wer aus der Rolle fällt, rollt aus der Falle.

Offline Heiko

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Re: Literarische Vorbilder
« Antwort #6 am: 07. Juni 2009, 00:10:45 »
Quote (selected)
Burkhard Ihme schrieb am: 25.02.2008 um 17:32:06
Ich frage mich immer, ob Kreisler seine Vorbilder nur im amerikanischen Musikschaffen sah (Cole Porter, Abe Burrows, Tom Lehrer – dessen "I hold Your Hand in Mine" er ja neu vertont hat) oder auch die deutsche Tradition kannte (Tucholsky, Kästner, Mehring, Weinert, Mühsam, Brecht).

Nach wie vor eine interessante Frage!
Kreislers Texte besitzen zweifellos literarische Qualität. Darum muss natürlich auch nach den literarischen Vorbildern, neben den musikalischen, gefragt werden.
Ich beschäftige mich nun schon seit einigen Jahren etwas mit Erich Mühsam und kann (leider) nur wenige Schnittpunkte zu GK feststellen:
Da wäre zum einen natürlich das Jüdischsein in einem relativ assimilierten Milleu im deutschsprachigen Raums;  zu anderen eine politische Zielrichtung (antibürgerlich), die die Beiden eher eint als trennt; und zuguterletzt haben beide für sich eine Synthese von Kunst, Politik und Leben geschaffen. Textliche Schnittstellen, die eine explizite Vorbildsfunktion zeigen würden, haben sich mir bisher nicht offenbart.

Eine wichtige und informative Seite:
http://www.erich-muehsam.de/index.html
die leider eine nur unsortierte und somit willkürliche Textauswahl anbietet.


Mühsams Lyrik kann einem literarischen Radikal-Individualismus mit hedonistischen, bzw. existenzialistischen Tendenzen, zugeordnet werden.

Jeden Abend werfe ich
eine Zukunft hinter mich,
die sich niemals mehr erhebt,
denn sie hat im Geist gelebt.
Neue Bilder werden wachsen;
Welten drehn um neue Achsen,
werden, sterben, lieben, schaffen.
Die Vergangenheiten klaffen.
Tobend wirbelnd stürzt die Zeit
in die Gruft. Das Leben schreit

(E. Mühsam)


Aber er konnte auch politisch:

Zum Beginn

(...)
Und doch sehnt sich der Mensch nach Glück,
und sehnt sich nach Freiheit und sehnt sich nach Leben,
und möchte als Freund zum Menschen zurück,
und möchte den Geist zur Freude erheben! -

Möchtet ihr, Menschen? Wohl! Reckt eure Köpfe!
Öffnet die Augen! Dehnt eure Brust!
Fühlt euch als freie, als eigne Geschöpfe!
Wollet die Freiheit! Wollet die Lust!
(...)


« Letzte Änderung: 07. Juni 2009, 00:13:02 von heikoholic »
Nur wer aus der Rolle fällt, rollt aus der Falle.

 

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Anfänge. Eine literarische Vermutung

Begonnen von Alexander

Antworten: 1
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Letzter Beitrag 18. Juli 2012, 11:30:06
von Heiko