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Letzte Lieder (Read 842 times)
Heiko

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Hamburg
Letzte Lieder
25.10.2009 at 12:59:26
 
Mögen die Auseinandersetzungen beginnen!

Zum Einstieg eine eher kritische Rezension:
http://www.falter.at/web/shop/detail.php?id=30977&SESSID=425d885b4a0ff64eb73bd0b...

Ich kann mir leider noch kein umfassendes Urteil erlauben, weil ich erst drei Kapitel gelesen habe.
Doch offenbart Kreisler schon auf den ersten Seiten ein nicht konsistentes Menschenbild, wenn er zunächst auf S. 7 schreibt: „Wenn sich also ein Mensch ändert, so ist es das Werk seines Schöpfer.“ (Ironie??), aber auf S. 26 kategorisch feststellt: „Der Mensch ist frei.“
Zweifellos ist mir die zweite Aussage sympathischer. Und mag mir auch jemand die Kontexte der beiden Aussagen um die Ohren hauen (bei der ersten geht es um Kunst, bei der zweiten um die individuelle Schuld von Nazis und anderen Verbrechern), so bleibe ich dabei, dass solche Ansichten nicht je nach Windrichtung verändert werden sollten.

Aber gerade die provozierenden, scheinbaren Widersprüche machen nach wie vor den Reiz seiner Texte aus. „Jeder Mensch ist ein Flüchtling. Wer zu Hause bleibt, flüchtet vor der Realität.“ und ähnliche aphoristische Schmuckstücke verleiten zum Grübeln und lassen an seine besten Lieder erinnern.

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« Last Edit: 25.10.2009 at 13:00:56 by Heiko »  

Der ist ein echter Schweinehund,
dem jeder Sinn für Heine schwund!
 
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Bastian
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Düsseldorf
Re: Letzte Lieder
Reply #1 - 26.10.2009 at 23:27:00
 
Nehme die Auseinandersetzung gerne auf. Bin jetzt bei Kap 5 und hab einen durchwachsenen Eindruck.

Ich muss das Ding erst mal ganz durchlesen, bevor ich was Robustes dazu schreibe. Einfach, weil ich weiß, dass ich mich ansonsten nur auf die irritanten Stellen stürze und anderes, möglicherweise gar Unterschreibenswertes, vernachlässige.

Bis jetzt: Ich lese blitzgescheite Gedanken und schöne sprachliche Wendungen, wie diese, die Du erwähnt hast. Aber auch einige harsche Urteile, deren Begründungen entweder völlig inkonsistent sind, oder durch Themenwechsel einfach umgangen werden. Nicht zwingend nur Urteile über Menschen. Beispielsweise zeichnet er auch in diesem Buch ein abstruses Bild von den Wissenschaften, denen er alles Mögliche andichtet- nur nicht die Neugier...

Und sie- der Fortschritt allgemein- scheinen für vieles herhalten zu müssen, was er anderweitig nicht begründen kann, beziehungsweise ihm wahrscheinlich schlicht mangels Interesse durch die Lappen gegangen ist. Ein Beispiel für ein harsches, aber logisch vollkommen inkonsistentes Urteil, siehe S.34, Abs.1:
das Fazit des Absatzes lautet (frei zitiert): "der technische Fortschritt hat den Künstlern mehr geschadet als genützt."
Begründung: Künstler gab es schon vorher. Lokomotiven kamen erst später. Schriftsteller haben Schreibmaschinen erfunden, aus den Schreibmaschinen wurden Computer, und deshalb gibt es jetzt mehr schlechte Schriftsteller.

Vor einer solchen Beweisführung zünde ich meinen Hut.

Ich meine übrigens, das gleiche schon einmal gelesen zu haben, und zwar hier.

Georg Kreisler ist bekennender Schreibmaschinenschreiber:
http://www.tagesspiegel.de/zeitung/Sonntag-Sonntag-Interview-Kreisler-Hitler-Jud...
Ein Meisterwerk der Technik, das vielen Schriftstellern und -Setzern die Arbeit erleichtert hat. Er nutzt sie gern, schließlich gebar der Fortschritt dieses Klapperteil vor seiner Geburt, also war es nie "neu".

Gegen diesen Bias ist natürlich nichts einzuwenden, noch halte ich ihn überhaupt für ein Thema. Nur frage ich mich: Wozu dann der immer wiederkehrende, aufgesetzte Anti- Fortschritts- Kokolores?

Nebenbei (Stichwort "böse Wissenschaft"): Die Nierenkolik, die in dem obigen Interview so nebenbei amüsant erwähnt wird, wäre vor 200 Jahren wahrscheinlich tödlich verlaufen.
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« Last Edit: 27.10.2009 at 06:56:10 by Bastian »  
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Heiko

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Posts: 167
Hamburg
Re: Letzte Lieder
Reply #2 - 16.11.2009 at 02:39:15
 
Bastian wrote on 26.10.2009 at 23:27:00:
Vor einer solchen Beweisführung zünde ich meinen Hut.

Klasse! zur Erhellung des Geschriebenen?

Quote:
Georg Kreisler ist bekennender Schreibmaschinenschreiber:
(...)
Er nutzt sie gern, schließlich gebar der Fortschritt dieses Klapperteil vor seiner Geburt, also war es nie "neu".

Ich gebe die uneingeschränkt recht. Es war schon immer so (Floskelalarm!), dass die Alten rumkritteln an den verderblichen, neumodischen Entwicklungen, aber gleichzeitig den Stand der Technik zum Zeitpunkt der Geburt  als „natürlich“ oder normal ansahen.

Heiko wrote on 25.10.2009 at 12:59:26:
, wenn er zunächst auf S. 7 schreibt: „Wenn sich also ein Mensch ändert, so ist es das Werk seines Schöpfer.“ (Ironie??), aber auf S. 26 kategorisch feststellt: „Der Mensch ist frei.“

Habe mich inzwischen belehren lassen, dass hier eventuell eine nietzscheanische Vorstellung gezeichnet wird:  Der Mensch als Künstler und Kunstwerk zugleich wird zu seinem eigenen Schöpfer. Damit wäre auch der Widerspruch zu der zweiten Aussage aufgehoben.

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Der ist ein echter Schweinehund,
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urmel
Ex Member


Re: Letzte Lieder
Reply #3 - 27.11.2009 at 14:24:50
 
"Letzte Lieder" und die neue Oper beschäftigen seit Wochen die Medien.
Das von der Frankfurter Rundschau veröffentlichte Interview ist interessant und könnte direkt als Nachwort in Kreisler`s letztem Buch stehen. 2009 ein erfreuliches Kreisler-Jahr!

http://www.fr-online.de/in_und_ausland/panorama/?em_cnt=2105427&em_cnt_page=3
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Dunkelblaue Dille

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Re: Letzte Lieder
Reply #4 - 28.11.2009 at 09:12:13
 
Genau:-)

Und wenn man folgenden Link zum FR-Interview verwendet, kommt man gleich auf der 1.Seite heraus (insgesamt 3 Seiten!):

http://www.fr-online.de/in_und_ausland/panorama/?em_cnt=2105427&em_cnt_page=1


Außerdem findet sich in der Wiener Zeitung von heute ein weiteres Interview mit Kreisler:

http://www.wienerzeitung.at/DesktopDefault.aspx?TabId=4664&alias=wzo&cob=453110


BG, DD
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« Last Edit: 28.11.2009 at 09:17:04 by Dunkelblaue Dille »  
 
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urmel
Ex Member


Re: Letzte Lieder
Reply #5 - 01.12.2009 at 18:28:18
 
Wer kennt den Heesters des deutschsprachigen Kabaretts?

http://antijudaismusfrei.wordpress.com/2009/11/29/ein-schoener-vergleich/  

Dieser Vergleich ist nicht zu glauben, würde es dort nicht stehen und das auch noch im Deutschlandfunk in einer Kultursendung!
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Heiko

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Hamburg
Re: Letzte Lieder
Reply #6 - 01.12.2009 at 22:25:42
 
Kuriös!

Immer nur mit der Angst und mit der Ruhe.
Das kann doch kein Nachteil sein - das muss doch ein Vorteil sein!!!

mag sich der Redakteur des Deutschland-Deutschland-Funk (DDLF) bei diesem Vergleich wohl gedacht haben.






e.: ..
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« Last Edit: 02.12.2009 at 00:20:49 by Heiko »  

Der ist ein echter Schweinehund,
dem jeder Sinn für Heine schwund!
 
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Peter Silie

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Wien
Re: Letzte Lieder
Reply #7 - 02.12.2009 at 14:24:07
 
Quote:
Im DLF kündigte Thomas Heyer, Moderator der Sendung Corso – Kultur nach 3, am Freitag eine Sendung mit dem „Heesters des deutschsprachigen Kabaretts“ an.

Wahnsinn, so ein Dillo. Oag.
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Peter Silie 341456423 pizzaaltonno yoykhenen  
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Alexander
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München
Re: Letzte Lieder
Reply #8 - 08.12.2009 at 09:11:01
 
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„Die Kunst ist eben keine hübsche Zuwaage – sie ist die Nabelschnur, die uns mit dem Göttlichen verbindet, sie garantiert unser Mensch-Sein.“ (Nikolaus Harnoncourt)
 
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Dunkelblaue Dille

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Re: Letzte Lieder
Reply #9 - 03.02.2010 at 08:39:18
 
Und noch eine...

http://www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=13793

Insgesamt recht schön, auf den letzten Metern ist dem Kritiker allerdings etwas die Luft ausgegangen:

...
Seine zweite Oper mit dem Berliner Chansonier Tim Fischer, der in den vergangenen Jahren zum musikalischen Stellvertreter des Altmeisters avancierte, heißt „Das Aquarium oder die Stimme der Vernunft“
...

Man könnte das auf der selben Seite mit einem Leserbrief kommentieren, ich komme allerdings nicht dazu, ich hab heute abend noch eine Klausur:-)

BG, die DD
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